Halloween und Allerheiligen

Predigt zum Fest Allerheiligen 2015, Lesejahr B, Offb. 7, 2-4.9-14

Hermann Kügler SJ,  Hainstr. 12,  04109 Leipzig,  fon: 21 25 704

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Predigt zum Fest Allerheiligen 2015, Lesejahr B, Offb. 7, 2-4.9-14

Das Fest Allerheiligen hat seit einiger Zeit Konkurrenz bekommen. Seit ein paar Jahren breitet sich auch bei uns der Brauch aus, am Vorabend von Allerheiligen Halloween zu feiern. Dieses Fest ist in Amerika verbreitet - wir kannten es lange Zeit nur aus der Ferne. In den letzten Jahren aber treffe ich immer wieder Kinder und Jugendliche, die mir erzählen, sie seien zu einer Halloween-Party eingeladen. Und im letzten Jahr hat sogar eine Lehrerin das Thema »Halloween« in einem Schulgottesdienst, der zufällig auf den 31. Oktober fiel, aufgegriffen.

Dabei ging es natürlich nicht darum, Halloween zu einem christlichen Fest zu machen. Die Lehrerin wollte vielmehr zu Allerheiligen hinführen. Sie benutzte Halloween als Hinführung, weil viele ihrer Schülerinnen und Schüler Halloween-Partys mitfeiern wollten. Und tatsächlich führt ein Weg von Halloween zu Allerheiligen. Aber der Reihe nach.

1. Ursprünglich wurde Halloween vor allem in Irland begangen. Vielleicht geht es auf das alte keltische Fest „Samhain“ zurück. Nach keltischem Glauben war es den Geistern der Toten an Samhain möglich, in der Welt der Lebenden zu erscheinen und dort allerlei Unheil anzurichten. Es ist schaurig und gefährlich, diesen Geistern aus dem Totenreich zu begegnen, besonders weil sich mit den Geistern der Toten auch Hexen und Dämonen zeigen konnten, mit denen man es nicht nun wirklich zu tun bekommen wollte. Deshalb zündete man Strohfeuer an, um die Geister fern zu halten. Man verkleidete sich, um von ihnen nicht erkannt zu werden. Und man höhlte Rüben aus, schnitt ein Gesicht hinein und entzündete darin eine Kerze, um so die Geister abzuschrecken. Das ganze Fest hatte einen gruseligen Charakter.

Der schaurige Charakter von Halloween wird in einer Legende deutlich, die zu Halloween gern erzählt wird: An einem Abend vor Allerheiligen saß Jack, ein geiziger, trunksüchtiger Schmied, in einer Kneipe in seinem Dorf in Irland. Da erschien der Teufel und wollte ihn in die Hölle mit hinab nehmen. Jack bot ihm seine Seele für einen letzten Drink an. Der Teufel stimmte zu und bezahlte. Aber weil Jack ein silbernes Kreuz bei sich trug, konnte der Teufel ihm nichts anhaben.

Als Jack Jahre später starb, wurde ihm an der Himmelspforte der Zutritt verwehrt, weil er sein Leben lang geizig, falsch und hinterlistig gewesen war. Er wurde zu den Höllentoren geschickt. Aber auch dort wurde ihm der Eintritt verwehrt, weil er es sich auch mit dem Teufel verdorben hatte. Er bekam nur ein Stück Kohle direkt aus dem Höllenfeuer mit auf den Weg. Jack legte die glühende Kohle in eine ausgehöhlte Rübe und machte sich auf. Seitdem wandelt seine verdammte Seele mit der Laterne an jedem Vorabend von Allerheiligen durch die Dunkelheit - bis zum Tag des jüngsten Gerichts.

2. Das ursprüngliche Thema von Halloween ist die Frage nach dem Tod und nach dem Verbleib der Toten: Was ist nach dem Tod? Wo bleiben die Verstorbenen? Können sie mit uns in Kontakt treten? Und wenn sie unter den Lebenden erscheinen können: Nützt das ihnen und nützt es uns - oder ist es eher bedrohlich und gefährlich? Die Bräuche des alten Halloweenfestes sind geprägt von Angst und Unsicherheit: Irgendwie sind die Toten nicht wirklich tot. Irgendwie stehen sie in Kontakt zu uns. Irgendwie ist aber der Ort, an dem sie jetzt sind, dunkel und düster. Und irgendwie bringen sie diese Düsternis über uns, wenn sie unter uns erscheinen. Man muss also gewappnet sein. Der Tod ist eine Macht, die wir nicht beherrschen können. Das kann uns Angst machen. 

Aber nun kommt der christliche Glaube ins Spiel. Als sich in Irland das Christentum verbreitete, setzte es gegen das dunkle Halloween das helle Allerheiligenfest. Papst Gregor IV. beschloss 837 n. Chr., die Bräuche der Kelten zu »christianisieren«. Anstatt sie unter großem Widerstand abzuschaffen, ordnete er an, dass der 1. November, der Tag nach dem Halloweenfest, von der Christenheit als »Tag aller Heiligen« gefeiert werden solle. So kam das alte Samhain-Fest zu seinem heutigen Namen: All Hallows' Even, sprachlich zusammengezogen zu »Halloween«, was übersetzt nichts anderes heißt als »Vorabend von Allerheiligen«.

Und es ist tatsächlich der »Vorabend« von Allerheiligen - auch in einem übertragenen Sinn: Was am »Vorabend«, an Halloween, noch im Dunklen liegt, das wirkliche Schicksal der Verstorbenen, das kommt an Allerheiligen an den Tag und tritt ins Licht: Die Verstorbenen leben nicht in einer Zwischenwelt, die nicht richtig Himmel und nicht richtig Hölle ist, sondern sie leben bei Gott ganz im Licht, ganz im Himmel. Der Blick auf die Heiligen zeigt es uns. Ihr Leben in Gottes Herrlichkeit ist die Vorausschau auf das Schicksal, das Gott allen Menschen verheißen hat, die auf ihn vertrauen. Das Dunkel weicht dem Licht, die Unsicherheit dem Vertrauen auf Gottes Macht.

3. Freilich wissen wir Christen auch nicht genau, wie das sein wird nach dem Tod. »Was wir sein werden«, hieß es in der Lesung aus dem ersten Johannesbrief, »ist noch nicht offenbar geworden.« (1 Joh 3,2) Aber das macht uns keine Angst. Denn sicher ist, dass wir jetzt schon Kinder Gottes sind, wie es ebenfalls in der Lesung hieß. Als Kinder Gottes tragen wir jetzt schon etwas von Gott in uns, und das wird einmal vollends zum Vorschein kommen: »Wir werden ihm ähnlich sein«, sagte die Lesung - ganz himmlisch wie er, ganz selig wie er, ganz heilig wie er. Unsere ewige Zukunft ist nicht mehr, offen, so dass wir zur Hälfte hoffen dürften und zur anderen Hälfte Angst haben müssten. Denn wir sind Kinder Gottes. Und darum will uns Gott einmal ganz bei sich haben. 

Noch einmal zurück zu Halloween. Nachdem das Fest von ausgewanderten Iren nach Nordamerika gebracht wurde und in den letzten Jahren von Amerika auch zu uns kam, hat es seinen Charakter verändert. Es hat den mythologischen Hintergrund verloren, den ursprünglichen Sinn, den es bei den Kelten hatte. Es ist nicht mehr das angstvolle, dunkle Fest der Untaten, sondern ein fröhliches Fest, an dem man eine Party feiert, eine Halloween-Party eben. Nicht mehr schaurig, sondern allenfalls schaurig-schön. Halloween hat heute eher etwas von Fasching und Karneval: Kinder, aber auch Erwachsene verkleiden sich als Vampir oder Fledermaus, als Geist oder Hexe, als Skelett oder Zombie. Die heutige Fröhlichkeit von Halloween kann man vielleicht auch so deuten:

Wir lachen den Tod aus, wir haben keine Angst vor Geistern, Vampiren oder Hexen. Denn wir glauben an Gott, der den Tod besiegt hat und himmelhoch mächtiger ist als alle Mächte und Gewalten, die man sich nur vorstellen kann. Wir schauen nicht auf Geister, wir schauen auf die Heiligen - unsere Vorbilder und die Vorausbilder des himmlischen Lebens, das uns allen verheißen ist. Jene Lehrerin, von der ich eingangs erzählt habe, hatte also Recht, wenn sie am 31. Oktober in einem Schulgottesdienst das Thema Halloween aufgegriffen hat. Sie hatte die Weite, den Kindern die Freude an ihrer Halloween-Party nicht zu vermiesen, aber sie hatte auch den Blick dafür, sie von Halloween zu den Heiligen und zur christlichen Hoffnung zu führen.

Amen

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