Die großzügig Schenkenden finden das Leben

Predigt zum 32. Sonntag Lesejahr B, 2015: 1 Könige 17.10-16; Mk.12,41-44.

Diese – hinreichend bekannte – Erzählung aus dem Evangelium erscheint zunächst als ziemliche Schwarz-weiß-Malerei: Die Reichen, die nur etwas von ihrem Überfluss geben, um das schlechte Gewissen zu beruhigen und das Image zu pflegen, und daneben die Witwe, die völlig unauffällig fast nichts gibt und doch alles.

Natürlich gibt es auch Reiche, die ihren Wohlstand sozial gerecht erwirtschaftet haben und auch ihren Überfluss mit Armen teilen. Es gibt Arme, die neidisch und geizig sind. Hier aber soll in einer holzschnittartigen Zeichnung deutlich werden, worum es an dieser Stelle geht: Nicht zuerst um Teilen und soziale Gerechtigkeit, sondern um die innere Haltung des bedenkenlosen Schenkens und der rückhaltlosen Hingabe. Es geht um eine innere Haltung und nicht um eine zu kopierende Nachahmung. Es kann z.B. einer, der für den Unterhalt seiner Familie sorgen muss, nicht alles weggeben. Auch können wir nicht alles weggeben und dann dem Sozialstaat zur Last fallen.

Es gibt aber auch in unserem Leben viele Beispiele großzügigen Schenkens oder Teilens. In einem Asylbewerberlager bei Leipzig habe ich einmal eine muslimische Frau kennen gelernt, die von den 40 DM Taschengeld, das sie damals pro Monat bekam, immer 2.—DM zur Seite legte als Almosen für Arme – gemäß dem Gebot des Korans.

Es gibt Schüler oder Studenten, die einem Kameraden helfen, obwohl sie vor einer Prüfung selbst Angst haben, mit dem Lernen nicht fertig zu werden.

Ein anderer leiht seinem Freund Geld, das bei ihm selbst knapp ist.

Und vielleicht schenken Sie einem anderen Menschen Zeit und Aufmerksamkeit, obwohl Sie eigentlich nur noch Ihre Ruhe haben wollen.

Ja, es gibt sogar immer noch Menschen, die eine Karriere aufgeben um in einen Orden einzutreten oder um sich einer humanitären Aufgabe zu widmen,

und auch solche, die beten, obwohl sie scheinbar nicht erhört werden und die doch darauf vertrauen und es insgeheim auch wissen, dass das nicht verloren ist.

Ist das dumm? Wenn Sie der Witwe sagen: „Bist du noch zu retten? Diesen verrotteten Priesterbäuchen gibst du dein letztes Geld?“ Sie würde Sie nicht verstehen. Sie hat das Geld Gott gegeben ohne Wenn und Aber.

 Sie hat gehandelt wie Eltern, die sich um ihr behindertes oder suchtkrankes Kind kümmern ohne  zu wissen, wohin das führt. Ich rede da nicht vom Verwöhnen oder von Hilfe bis zum abhängig  Machen, sondern von sinnvoller und notwendiger Hilfe, die aber oft überfordert und doch geleistet wird. Einfach so.

Oder schauen Sie auf einen Mensch, der sich für seinen verunglückten Partner einsetzt auch über seine Kraft hinaus. Ist der dumm?

Die Welt kann ohne diese so genannte Dummheit nicht leben. Wo die fehlt, wird das Leben öde und kalt. Wir sterben an Sinnlosigkeit, wenn wir alles in unserem Leben tausendmal überlegen und ewig prüfen, ob es auch sinnvoll, zumutbar und notwendig ist. Ich plädiere nicht für unbedachte und unprofessionelle  Hilfe und auch nicht für ungesunde Selbstausbeutung. Aber ohne ein gewisses nicht weiter definierbares Maß an großzügiger Dummheit ersticken unsere Beziehungen im endlosen Kalkulieren. Als Frau Merkel die Grenzen für die Flüchtlinge geöffnet hat, war das im politischen Kalkül vielleicht dumm und auf die Dauer nicht durchhaltbar. Aber auch jetzt sage ich noch, dass es ein notwendiger Lichtblick von Menschlichkeit war, der  hoffentlich im Kampf um Wählerstimmen nicht ganz geopfert wird. Wir sind in unserem Wohlstand doch wirklich noch nicht an der Grenze der Leistungsfähigkeit. Immer noch geben wir nur ein weniges von unserem Überfluss ab. Das meine ich nicht vom privaten Engagement vieler Einzelner, sondern von uns als Staat oder als Gesellschaft.

Die Alternative liegt im Wagnis der Liebe. Freilich muss man solches Wagnis prüfen. Ich muss sehen, ob ich meinen Einsatz nach menschlichem Ermessen durchhalten kann. Ich muss prüfen, ob ich aus einer Art Ehrgeiz handle oder ob ich einer scheinbaren Liebe folge, bei der ich nur einen anderen Menschen um jeden Preis an mich binden will.

Auf jeden Fall müssen wir uns darüber klar sein: Wer heute für soziale Gerechtigkeit eintritt und dafür Zeit, Kraft und Geld einsetzt, der muss damit rechnen, dass ihn viele für verrückt halten und dass er sich bisweilen selbst fragen wird, ob er spinnt. Aber wenn er das durchsteht, dann wird er sein Glück finden.

 Dies gilt nun im Leben mit einander und im Leben mit Gott. Die Witwe in der Lesung aus dem AT vertraut Gott auf das Wort des Propheten hin, und sie weiß nicht, dass ihr das das Leben rettet. Die Witwe im Evangelium schenkt sich ganz Gott, vertraut sich ihm an. Ihre letzten Pfennige sind ein hilfloser Ausdruck dafür. Jesus macht deutlich, dass Gott gerade darauf schaut und dies Zeichen der Liebe annimmt.

Wir meinen wohl, dass wir Gott suchen, aber wir tun es oft nur mit gebremstem Einsatz. Im Alten Testament heißt es dazu schon: „Wenn ihr mich mit ganzem Herzen sucht, werde ich mich finden lassen!“  Stattdessen sichern wir uns erst nach allen Seiten ab und dann schauen wir noch, ob wir mit Gott nicht auf einem einfachen Weg zurechtkommen können. So aber begegnen wir ihm nicht. Unser Leben bleibt öd und leer.

 Die heute in den Lesungen gezeigten Witwen sind in ihrer Armut risikofreudig. Sie bauen nicht mehr auf das Vergängliche, denn davon haben sie sowieso nichts. Auf die letzte Hand voll Mehl oder auf zwei Pfennige das Glück zu bauen ist sinnlos, eigentlich so sinnlos wie das Bauen auf ein fettes Bankkonto oder auf renommierte Posten. Das alles vergeht und macht die Seele nicht satt. Nur merken es die beiden Witwen eher, als die, die im Fett schwimmen. Sie bauen auf Gott und suchen ihn von ganzem Herzen, ohne Bedenken und ohne Berechnung. Und so sind sie reich und an seinem Herzen geborgen.

 

Zurück zu Predigten