wenn der Himmel einstürzt ...

Predigt zum 33. So im Jahreskreis 15. Nov 2015 Lesejahr B, Mk 13, 24-32

Hermann Kügler SJ,  Hainstr. 12,  04109 Leipzig,  fon: 21 25 704

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Welche Erfahrung steht hinter dem heutigen Evangelium? Und genauer noch: in welchem Sinn kann dieser scheinbar so schwierige Text für uns Menschen von heute „frohe Botschaft“ – „Evangelium“ – sein? Seine Worte hatten schon zur Zeit ihrer Niederschrift eine Geschichte hinter sich. Wohl um das Jahr 40 waren Abschnitte daraus als eine Art Flugblatt unter gläubigen Juden kursiert, als diese in Jerusalem die Schikanen des Kaisers Caligula ertragen mussten. Sie suchten zu verstehen, warum es so kommen musste und dass sie doch nicht zu verzweifeln brauchten.

 

Ein paar Jahrzehnte später, gerade zu der Zeit, als Markus sein Evangelium niederschrieb, war noch Schlimmeres über Jerusalem hereingebrochen: Die Römer unter Titus hatten die Heilige Stadt mitsamt dem Tempel in Schutt und Asche gelegt - alles verloren, alles zerstört, als ob Gott gar nicht mehr da wäre. Für die gläubigen Jüdinnen und Juden und auch für die frühen Christinnen und Christen, die ihrer jüdischen Herkunft noch engstens verbunden waren, konnte dieses erschütternde Ereignis nichts anderes sein als das Signal dafür, dass das Ende der Welt gekommen sei. Und hatte nicht Jesus auch Dinge gesagt, die in ähnliche Richtung wiesen?

 

1. Aber Markus wusste zugleich, dass Jesu Wort über das Ende vor allem zu tun gehabt hatte mit seinem Schicksal am Karfreitag, auf das der Ostermorgen gefolgt war. Und weil er gewiss ist, dass durch diesen Jesus und sein Geschick die Wahrheit schlechthin über Gott und die Welt offenbar geworden ist, darum versteht er jetzt das äußere Geschehen der Geschichte im Licht der Christusgeschichten. Ja mehr noch: Das Ereignis der Zerstörung des irdischen Jerusalem wird ihm zusammen mit den Worten Jesu zum Sinnbild dafür, wie der Mensch nicht einmal in den erschütterndsten Krisen des Lebens untergeht, wenn ihm alles geraubt zu werden scheint, sondern bestehen bleibt.

 

Krisen gibt es wahrlich im Leben: Krankheit, das Zerbrechen einer Ehe oder Partnerschaft, Zerwürfnisse zwischen Eltern und Kindern, den Verlust eines lieben Menschen, berufliches Versagen, Unrecht, das nicht mehr gutzumachen ist, üble Nachrede, die eine ganze Existenz zerstört - und mehr noch dergleichen, was einem den Boden unter den Füßen wegzieht. Immer wenn unser Heiligstes, unser „inneres Jerusalem“ in Trümmer geht, da ist es, wie wenn über uns das Chaos hereinbräche und die Schöpfungsordnung widerrufen sei - wie wenn die Sonne nicht mehr leuchtet und die Sterne verschwinden: Da stürzt der Himmel unserer Ideale ein, nichts mehr ist da, an das wir uns halten, nichts, woran wir uns orientieren könnten.

 

2. Das irdische Jerusalem im Jahre 70 war genau daran zugrunde gegangen, wovor Jesus sein Volk eindringlich gewarnt hatte, und woran jeder Mensch bis heute und auch die Staatengebilde von heute zugrunde gehen, wenn sie sich nicht warnen lassen: Eine Welt, in der es einzig um das Machbare und also um Macht geht, und in der untrennbar damit verbunden die Angst regiert, eine solche Welt lässt sich nicht halten. Sie muss zerfallen: sei es die politische Welt menschlichen Miteinanders, sei es auch die der konkreten Kirche. Wer glaubt, Krisen des Lebens mithilfe der Macht beherrschen zu können, der wird im Chaos versinken.

 

Dort aber, wo es zur Krise kommt, da zeigt sich inmitten der beginnenden Erschütterung gleichsam wie von selbst, wodurch es Rettung geben kann. Auf den Wolken des Himmels, also von Gott her, kommt der Menschensohn, sagt die Bibel in bildhafter Sprache. Das meint: Wo nichts mehr in meiner Macht steht, bleibt mir, Mensch zu sein, wie Gott es meint: die Menschlichkeit.

 

Was Menschlichkeit ist, das wissen wir Christinnen und Christen von dem Menschen aus Fleisch und Blut, den die Evangelien Menschensohn nennen: Sein Gottvertrauen und seine Güte waren es, was Menschen in Bann schlug, wie sie ihm folgen, mit sich neu anfangen, was sie frei werden ließ. Sein Gottvertrauen und seine Güte waren es auch, was ihn in Konflikt brachte mit den religiös und politisch Mächtigen, weil er ihr Machtgebaren als Grund und als Folge ihres Unglaubens und ihrer Herzenshärte entlarvte. Und noch einmal waren es sein Gottvertrauen und seine Güte, die sich durch das Kreuz hindurch stärker erwiesen als die Angst und die Macht und darum beides aufzubrechen vermochten - darin besteht das Ostergeheimnis.

 

3. Von daher versteht sich auch, warum Jesus ausgerechnet im Zusammenhang tiefster Krisen das so zuversichtliche Gleichnis vom Feigenbaum spricht: Wie der Sommer naht, die Zeit der Wärme und des Wachsens, wenn der Feigenbaum saftig wird und Blätter treibt, so sind wir dem Geheimnis unserer Rettung ganz nah, wenn die Not einer Krise uns schüttelt und wir die Not nicht verdrängen mit Mitteln der Macht, sondern durchleben im Vertrauen, auch noch gehalten zu sein, wenn uns der Boden unter den Füßen wankt.

 

Die Zeitansage, dass diese Generation nicht vergehen wird, bis das alles geschieht, legt kein äußeres Datum fest, sondern erinnert daran, dass die Krise und die Rettung aus ihr immer vor der Tür stehen, für jeden und jede - und dass sie umso näher stehen, je empfindsamer ein Mensch dafür wird, dass sich mit der Macht und dem, was zu ihr gehört, das Leben nicht und niemals bestehen lässt. Aber wer das spürt, von der rettenden Menschlichkeit des Vertrauens und der Güte zumindest etwas ahnt, für den steht das Zerbrechen alles Gewohnten gar nicht mehr im Vordergrund.

 

Mögen Himmel und Erde vergehen, mag das ganze Gewölbe meiner Ideale, meiner selbst gewählten Pflichten, meiner Überzeugungen einbrechen, - immer noch habe ich Jesus, seine Worte, die nichts anderes tun, als zum Gottvertrauen einzuladen und uns zur Güte zu ermutigen. Wer sich an ihn hält, braucht auch nicht auf Tag und Stunde zu schauen, wann denn wieder etwas und einmal das letzte Ende kommen wird: Nicht die Engel und nicht einmal der Sohn kennen sie, sondern nur der Vater. Das reicht. Ihm traue ich doch, darum werden auch jener Tag und jene Stunde nicht mein Untergang sein. Hält er auch sie doch in seiner Hand.

 

Als der Liedermacher Wolf Biermann die höchste literarische Auszeichnung Deutschlands, den Büchner-Preis, erhielt, erinnerte er am Ende seiner Dankesrede an seine Großmutter in Hamburg, einst eine einfache Frau, die die Tiefen des Lebens durchschritten hatte, aber geistreich genug geblieben war, manchmal in der Not ihrer Sorge um das tägliche Brot ihrer Kinder zu Gott zu beten. Wenige Tage vor ihrem Tod sagte sie zu ihrem Enkel: „Mein Jung', ich hab' diese Nacht jetreimt, de Welt jeht unta. Aber dann hab' ich drüba nachjedacht. De kann jarnicht unterjehn!“ Und als Biermann sie fragte: „Warum kann die Welt nicht untergehn, Oma?“, da antwortete die Frau: „Mei, Wolf, wo soll se denn hin, de Welt?“ - Die Antwort ist gut. In ihr steckt unser ganzes Evangelium.

 

nach einer Anregung von Klaus Müller, Münster

 

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