Macht und Gewalt

Predigt zum Christkönigssonntag 22.11.2015 Lesejahr B, Joh 18, 33b-37

Hermann Kügler SJ,  Hainstr. 12,  04109 Leipzig,  fon: 21 25 704

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Schon immer wusste man, dass die "Stasi" - der Staatsicherheitsdienst der ehemaligen DDR - zu fürchten war. Aber was nach dem Zusammenbruch der ostdeutschen Diktatur an Überwachungsmethoden, Spitzeltaktiken und Bevormundungsversuchen zutage kam, machte selbst die abgebrühtesten Geheimdienstspezialisten der Welt fassungslos. Und trotzdem zeigte dieses gigantische Überwachungssystem manchmal ganz seltsame Ängste: So war kirchlichen Zeitschriften strikt verboten, bestimmte Sätze aus der Bibel zu zitieren, zum Beispiel den Vers aus dem Buch Genesis, wo Gott den Abraham auffordert: Geh aus deinem Vaterland weg in ein Land, das ich dir zeigen werde! Das galt als verkappte Aufforderung zur Republikflucht.

 

Besonders verpönt war eine Zeile aus dem 18. Psalm, in der der Beter mit gläubiger Zuversicht bekennt und ruft: Du, Herr, machst meine Finsternis hell. Mit dir erstürme ich Wälle, mit meinem Gott überspringe ich Mauern. - Lächerlich, vor solchen Bibelworten Angst zu haben, sie könnten Widerstand gegen die allmächtige Staatsgewalt anzetteln. Lächerlich - und doch verrät sich in dieser Ängstlichkeit der Stasileute eine Art Gespür dafür, dass es Dinge geben kann, die sich mit den Mitteln der Macht nicht kontrollieren, ja nicht einmal erreichen lassen.

 

1. Gern spricht man da von der Macht des Geistes. Aber das erklärt nicht viel. Weitaus genauer sagt uns das heutige Evangelium, worum es da geht: Jesus steht vor Pilatus. Ihm wird der Prozess gemacht. Leute aus seinem eigenen Volk sind die Kläger: Du hast dich selber zum König gemacht, werfen sie ihm vor. Das war ein äußerst gefährlicher Vorwurf. Standen doch die Römer im Land. Und die erledigten jeden standrechtlich, der sich König nannte, weil er damit ihre - der Römer - Herrschaftsansprüche bestritt. Daher die juristische Routinefrage des Pilatus: Bist du der König der Juden?

 

Aber statt mit "ja" oder "nein" zu antworten, fragt Jesus zurück, was denn Pilatus mit "König" meine. Dem ist die ganze Sache sowieso zuwider und darum gibt er muffig zurück: Was weiß ich denn - bin ich vielleicht ein Jude - ich kenn mich mit eurem Kram doch nicht aus! Deine eigenen Leute haben dich verklagt - also, was hast du überhaupt getan?

 

2. Und dann spricht Jesus tatsächlich von seinem Königtum. Einem Königtum, das nicht von dieser Welt ist - also nicht vergleichbar mit dem, was Menschen sich unter diesem Namen vorstellen. Und das wesentliche Kennzeichen dieses Königtums Jesu - so er selbst - besteht darin, dass in diesem Reich und um dieses Reich nicht gekämpft wird. Sein Königtum ist gewaltlos, hat mit Macht nichts zu schaffen. Nach menschlichem Ermessen ist das gar nicht auszudenken, denn: Mein Königtum ist nicht von hier, es ist nicht zu beschreiben mit den Mitteln, die sonst königliche Herrschaft ausmachen. Was aber dann, wenn denn Jesu Worte kein weltfremder Traum, kein leeres Gerede gar sein sollen?

 

König im eigentlichen Sinn des Wortes meint den Souverän, den, der wirklich frei und unabhängig ist. Niemandem verpflichtet, niemandem etwas schuldig, letztverantwortlich für das, was er will und tut. Der Souverän, der König ist darum auch der, der sich keinem beugen muss und keine Angst hat - vor nichts und niemandem; Angst nicht vor den Mächtigen, Angst auch nicht davor, sich an etwas oder jemandem schmutzig zu machen. So frei ist der König, und darum ist er ganz er selbst.

 

Und genau das war es, was Menschen an Jesus so ungeheuer faszinierte: dass er ein ganz und gar königlicher Mensch war, liebenswürdig, ohne sich anzubiedern, gütig, ohne abhängig zu machen, entschieden, ohne absonderliche Kompromisse zu schließen, kompromisslos überall dort, wo einem Menschen Macht und Gewalt angetan wurden – und wäre sie noch so vergeistigt, getarnt etwa als angebliches Gottesgebot. Und er, der absolut Freie und Souveräne, hatte im Grunde ein einziges Anliegen nur: dass auch die andern, dass jede und jeder ein königlicher Mensch werde, souverän, unabhängig, um seine Würde wissend – eben so, wie Gott den Menschen gewollt hat. Und das hat Jesus nicht nur als Programm verkündet, sondern durch eigenes Reden und Leben den anderen mitgeteilt: Traut Gott so unbedingt wie ich, und ihr werdet wie ich, königlich, aufrechten Ganges, keinem etwas schuldig außerdem, dass ein jeder er selbst, eine jede sie selbst ist - das schuldet ihr Gott. Und Gott selbst schenkt es euch.

 

3. Dieses Königtum Jesu jenseits von Macht und Tricks und Kontrolle - ihr pures Gegenteil-, das ist der Anstoß gewesen, der ihn vor Gericht und ans Kreuz brachte. So steht wirklich ein König vor Pilatus, aber ein anderer als der, zu dem ihn seine Widersacher raffiniert gemacht hatten. Der souveräne Mensch war ihnen lästig in ihren Macht- und Ränkespielen. Sie haben Jesus auch tatsächlich erledigt, aber was er an Freiheit lebte und lehrte, das hat er nicht einmal am Kreuz widerrufen in der Gewissheit, dass - wenn wirklich das Gottvertrauen ganz frei macht - auch die stärkste Macht von Menschenhand diese Freiheit wird nicht zerstören können. Darin besteht das Ostergeheimnis. Und Jesu Königsein hat sich bis heute unauslöschlich in Menschenherzen eingebrannt, wo immer einer Gott so zu trauen begann, wie Jesus ihm traute.

 

Heute am Christkönigfest bekunden wir, wie ernst es uns mit dieser königlichen Macht des Glaubens ist. Christkönig bedeutet: Jeder Mensch besitzt eine Würde, die absolut unverfügbar, unzerstörbar ist und jede Gewalt, auch die staatliche, erst recht etwa kirchliche, als vorläufig entlarvt. Mag noch so viel Gewalt geschehen, so viel, dass man bisweilen gar nicht mehr an das Gute glauben möchte, - die Mitte, das Wesentliche des Menschen erreicht sie nie. Jeden, der durch Gewalt gegen andere Schuld auf sich geladen hat, lässt diese Wahrheit erkennen, wie unsinnig er gehandelt hat. Aber jedem, der wegen seiner Schuld jetzt an sich die Macht von Recht und Gesetz verspürt, sagt diese selbe Wahrheit auch, dass Recht und Gesetz seine Würde als Mensch und Gotteskind trotz seiner Schuld nicht aufheben können. Das ist das eigentliche Fundament der besonderen Hoffnung, zu der wir Grund haben.

 

nach einer Anregung von Klaus Müller, Münster

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