Nikolaus

Predigt zum Nikolausfest 6. Dezember 2015

Hermann Kügler SJ,  Hainstr. 12,  04109 Leipzig,  fon: 21 25 704

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Ein bisschen seltsam ist es mit den Heiligen-Gestalten in der katholischen Kirche. Denn fast scheint es so, dass sie umso bekannter und großartiger in der Verehrung des Volkes Gottes stehen, je weniger man historisch von ihnen weiß. Eine überragende Figur in der Geschichte der Kirche ist sicher die Person des heiligen Nikolaus. Niemand unter den populären Heiligen – auch nicht der Hl. Martin - ist bekannter, niemand bei den Kindern beliebter, und dies gewiss nicht der Süßigkeiten wegen, die man am 6. Dezember in Stiefeln oder Schuhen vor den Türen zu finden pflegt.

 

1. Aus seinem Leben wird mehr an Legenden denn an Geschichte überliefert. Um das Jahr  300 herum geboren, ist er sehr bald in die christliche Erziehung bei Mönchen gegeben worden. Er muss recht früh Bischof der jüdischen Stadt Myra geworden sein, einer damals relativ großen, von den Römern zur Hauptstadt erklärten Ansiedlung mit einem Theater, mit Wasserleitungen, die Kaiser Hadrian errichtet hatte. Die Stadt Myra hatte ihre Bedeutung, also auch ihr Bischof. Wir finden ihn wieder beim Konzil von Nizäa im Jahre 325, dort wird er in zwei Listen geführt; alles Weitere ist Legende, wie wir so sagen.

 

So soll er dem Irrlehrer Arius, um dessen Lehren das ganze Konzil von Nizäa ging - Kaiser Konstantin wollte die Ansichten der Christen in seinem Reich vereinheitlichen - mit Macht entgegengetreten sein, er soll ihn geradewegs, an Stelle von Argumenten, mit den Fäusten geschlagen haben. Arius appellierte an den Kaiser, und der tat seine Pflicht: Nikolaus wurde eingekerkert. Aber was tat Gott? Er wirkte ein Wunder, und am anderen Morgen saß Nikolaus in seiner Zelle, frei von den Fesseln, betend über dem Neuen Testament, in welchem doch die Partei Christi klar bezeugt wurde. Klarer war die Heiligkeit des Nikolaus nicht zu bezeugen, und er wurde freigelassen!

 

In der Überlieferung vermischt sich vieles aus seinem Leben mit der Gestalt eines Mannes, der zweihundert Jahre später als Visionär und Seher gelebt hat. Von ihm geht die Sage, dass er eine Schiffsreise nach Jerusalem antrat, auf der er Menschen aus Seenot rettete. Dieser Nikolaus von Sidon verschmilzt in der Überlieferung mit Nikolaus, dem Bischof von Myra. Wir wüssten wenig, hätten wir nur die Historie, die Heiligen zu verehren. So aber schwelgt die Legende in der Erzählung von Taten des Mitleids.

 

Nikolaus soll Schiffe während einer Hungersnot angehalten haben. Kapitän und Seeleute weigerten sich, die gelagerten Bestände von Korn oder Mehl an die Bevölkerung herauszugeben. Der Kaiser bestehe unter Androhung von Strafe darauf, dass die Schiffsfracht ohne Einbuße im Hafen gelöscht werde. Nikolaus entfernte so viel an Mehlsäcken, wie man brauchte, den Hunger der eigenen Bevölkerung zu stillen, ja, es waren für zwei Jahre Vorrat und Saatgut noch überzählig. Als aber das Schiff in den Hafen einlief, fehlte nichts von der Fracht - eines der Wunder des heiligen Nikolaus.

 

Er soll, nicht minder wunderbar und hoch zu rühmen, einer armen Familie, die drei Töchter hatte, von denen keine einzige standesgemäß zu verheiraten war, aus der Not geholfen haben, indem er des Nachts drei Säcke Gold durch ihr Fenster warf.

 

Dies sind die Vorstellungen der Legende; hinzu kommt heidnischer Brauch in diesen Tagen des Dezember: die Gestalt eines Weckmanns, die an Fruchtbarkeitszauber altgermanischer Bräuche erinnert. Fabeln und Legenden, heidnisches Amalgam - sieht so der katholische Glaube aus? - Ja, und ich möchte dazu sagen: Gott sei Dank!

 

2. Was wissen wir denn vom Leben eines Menschen wirklich, außer wir wagen, ihn zu träumen? Jeder mag sagen, Träume seien nichts weiter als Einbildung, Eingebung des eigenen Herzens und wir verehrten immer nur uns selber, malten wir die Gestalt eines Heiligen nach den Bildern, Hoffnungen, Sehnsüchten, die uns die eigene Phantasie eingibt. Ist es aber nicht auch denkbar und sogar unerlässlich, dass wir mit Hilfe der eigenen Träume überhaupt erst die Wahrheit im Leben eines anderen bemerken? Könnte es nicht sein, dass gerade die eigene Sehnsucht uns zeigt und lehrt, wer der andere wirklich ist?

 

Dann sind all die Taten, die vom heiligen Nikolaus berichtet werden, Aufgaben, die sich jedem von uns noch viel mehr in seinem Inneren für ihn selber stellen, als dass wir sie äußerlich bei einem anderen rühmen könnten. Wie zum „Beweis“ will ich folgende Situationen anführen: viele Menschen treffe ich, denen es fundamental und existentiell daran mangelt, von einem anderen Menschen wirklich geliebt zu werden.

 

Wie erreicht man es aber, dass Menschen sich buchstäblich reich genug fühlen, um auf einen anderen zuzugehen und ihm wirklich zu begegnen? Und wie bewirkt man in einem Menschen solches Wunder der Seele, das Gefühl der eigenen Armut zum Verschwinden zu bringen und ganz normale Hoffnungen des Lebens realisieren helfen? Wie ist es möglich, Menschen, deren Leben über dem Abgrund hängt, wie bei einer Seefahrt mitten in Not unter dem Wogenschwall und dem Brausen des Windes Rettung und Schutz zu geben? Wie ist es möglich, Mitleid so zu üben, dass es anderen hilft und niemanden schädigt, so dass am Ende nichts mehr fehlt?

 

3. Es ist im Grunde immer wieder die menschliche Not, die sich an Gott wendet, und jeder, der auf sie eingeht, wird bei Gott und den Menschen hoch geschätzt werden. Die Gestalt eines Heiligen in diesem Sinne ist zeitlos. Es kommt nicht darauf an, was man geschichtlich von ihr weiß. Es ist die ewige Geschichte Gottes mit uns Menschen, immer die gleiche Not, das Suchen nach Liebe, Schutz gegen Angst, Mittel gegen das Verhungern. Wer in diesen drei Bereichen sich als groß erweist, menschliches Elend und menschliche Not auch nur ein wenig zu lindern, ist dem Heiligen von Myra sehr nahe.

 

Er hat eine Lehre, die man nicht mit Fäusten predigen muss, er kann sicher sein, dass Gott im Kerker eines jeden Menschen Fesseln löst und Wunder der Befreiung wirkt. Darüber hinaus zeigt sich, dass wir wohl doch nicht Menschen so unterschiedlicher Kultur und Religion sind, dass wir nicht von allen lernen könnten. Kein Brauchtum und keine Vorstellung wäre so heidnisch, dass sie nicht zugleich auch christlich genannt werden könnte, wenn wir nur offen genug dafür sind. Das sind vielleicht die schönsten Feste der Kirche, die am wenigsten spezifisch, aber dafür im Wesen menschlich sind.

 

(nach einer Idee von E. Drewermann)

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