zwei Lebenskonzepte

Predigt zum 4. Adventsonntag 20.12.2015 Lesejahr C, Lk 1,39-45

Hermann Kügler SJ,  Hainstr. 12,  04109 Leipzig,  fon: 21 25 704

www.orientierung-leipzig.de    www.jesuiten.org/hermann.kuegler

aktuelle Predigt auf unserer Homepage bei „Kontaktstelle / Predigten

 

Liebe Gemeinde,

 

ich gestehe es offen: alle diese Texte in der Advents- und Weihnachtszeit, die von der Empfängnis eines Kindes, von Schwangerschaft und Geburt handeln, bleiben für mich ein ganzes Stück weit unverständlich. Denn erstens bin ich ein Mann und nicht eine Frau, und zweitens fehlt mir aufgrund meiner Lebenswahl noch mal die Erfahrung, mit der Partnerin an meiner Seite diese und ähnliche Erfahrungen geteilt zu haben.

 

Ich wähle deswegen für das heutige Evangelium einen anderen, experi-mentellen Zugang, den Sie selber auch machen können: Bitten Sie einmal jemanden, eine Geschichte zu schreiben, wie er sich vorstellen könnte, aus einem anderen Leben in diese Welt gekommen zu sein. Eine solche Geschichte ist zunächst natürlich frei erfunden. Trotzdem aber, liest man sie genauer, gibt sie Aufschluss über ein ganzes Lebensgefühl, über den Charakter und die Lebenseinstellungen eines Menschen.

 

1. Ganz so ist es, wenn im heutigen Evangelium Lukas eine Legende erzählt, wie die Mutter Jesu sich aufmacht, um die Mutter von Johannes dem Täufer aufzusuchen. Das scheinbar Phantastische ordnet zwei Menschen einander zu, die wesenhaft miteinander verflochten sind. Man kann darin ein Stück frühchristlicher Theologie sehen: die frühe Kirche versucht, die Gruppe der Johannes-Jünger in die eigenen Kreise aufzunehmen, die damals noch wie nebeneinander bestanden haben, und Brücken zu schlagen zwischen der Lebensausrichtung des Johannes und der Lebensausrichtung Jesu.

 

Und tiefer noch mögen wir verstehen, dass Johannes voller Freude die Ankunft Jesu begrüßt, gewissermaßen noch ehe er selber auf die Welt gekommen ist. Johannes und Jesus verkörpern zwei ganz unterschiedliche Weisen, wie wir Mensch sein und unser Leben auf dieser manchmal so problemvollen Erde bewältigen kön-nen. Viele stimmen darin überein, dass sich etwas ändern muss, um Gott ein bisschen näher zu kommen. Nur: was muss sich ändern?

 

2. Johannes, der Größte unter den Menschen – wie Jesus später über ihn sagen wird – hat Anweisungen ge-geben, Mahnungen erteilt, notfalls Vorwürfe gemacht und schließlich angefangen zu drohen. Die ganze Bandbreite solcher Korrekturen am Verhalten seiner Mitmenschen hat Johannes versucht. Nur: was ist das Ergebnis solcher Bemühungen?

 

Johannes meinte, dass jeder einzelne – bildlich gesprochen – eingetaucht werden muss in den Jordan, dass man jedem einzelnen Menschen nur gründ-lich genug den Kopf waschen muss, damit er zum guten Ende doch eine richtige Lebensrichtung bekommt. Von außen betrachtet sind die Einteilungen dann ganz einfach: da gibt es Gute und Böse, Faule und Fleißige, Kluge und Dumme, Korrekte und Schlen-driane. Und so reden wir im Alltag ja auch ständig nach der Weise von Johannes dem Täufer: wir sagen Kindern: das musst du tun; so macht man es; dies ist gut und jenes böse – und spüren doch, dass man, treibt man es auf die Spitze damit – das Leben nicht fördert, sondern verbiegt, erstickt und schließlich tötet. Als Erwachsene reden wir ähnlich und begreifen doch, dass es auf diese Weise nicht möglich ist, die Probleme des menschlichen Herzens zu lösen.

 

3.In Jesus lebte ein anderes Prinzip. Die Unterschiede von Johannes dem Täufer und Jesus sind gut erkennbar: Johannes verkündete das kommende Reich Gottes als Zorngericht über eine verkommene Menschheit, Jesus aber verkündete das Reich Gottes als zuvorkommende Gnade den Armen und den Sündern. Johannes verließ das Kulturland und lebte in der Wüste, Jesu verließ die Wüste und ging in die belebten Dörfer Galiläas. Johannes hungerte sich mit Wüstennnahrung durch, Jesus aß Brot und trank Wein mit den Armen und den Reichen und Sündern des Volkes. Johannes galt als Asket, Jesus als „Fresser und Weinsäufer“, Johannes taufte zur Buße, Jesus hat niemanden getauft, aber vielen die Sünden vergeben.

 

Wenn Jesus Gleichnisse erzählte, dann war es, wie wenn er Bilder formte, die ein Angebot waren, uns selbst darin wieder zu finden. Lyrisch ausgedrückt: jeder Mensch – so würde Jesus sinngemäß sagen – ist wie ein wunderbares Lied, ein nie gehörter Gesang, von dem Jesus wollte, dass er hörbar würde. Und immer wieder suchte er das hundertste verlorene Schaf.

 

Einer der eindrücklichsten Sätze in den Evangelien, so meine ist, ist der: „Ich bin gekommen zu den Kranken, denn die brauchen den Arzt, nicht die Gesunden“. Wir alle brauchen Ver-ständnis, nicht Anklage, um uns entwickeln zu können und Menschen zu werden unter den Augen Gottes.

 

Ein abschließendes Bild dafür mag sein: Wenn im Frühjahr der Schnee schmilzt, dann ist es die Kraft der Sonne, die die Blumen und Pflanzen  wieder aufrichtet. Kein Zaun, kein Spalier vermag das, und erst recht geschieht es nicht, wenn man an ihnen zupft und zerrt.

 

Diese wunderbare Erzählung von Marias Besuch bei Elisabeth hat recht: Das Ziel der Religion ist Erlösung. Wir Menschen brauchen die Kraft des Verstehens, des Begleitet-Werdens, der Geduld und der Liebe, die niemals endet. Denn sie ist von Gott. Durch sie allein bereitet sich die Ankunft des neuen Menschen vor, der in uns lebt und darauf wartet, geboren zu werden.

 

Amen

Zurück zu Predigten