Gott – Mensch, mit uns – für uns.

Weihnachten 2015

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Gott – Mensch, mit uns – für uns.


 

Zwei Fragen sind mir im Zusammenhang mit der Vorbereitung zu diesem Weihnachtsgottesdienst vor allem begegnet: Wie kann man in dieser Zeit mit Kriegen an allen Ecken, Flüchtlingen, Klimabedrohung, Korruption und Gewalt auf den Straßen überhaupt Weihnachten feiern? Und die Zweite: Was ist der Mensch, wer bin ich, dieser Krümel im Weltall, verirrt und zerstört, dass Gott an mir etwas gelegen sein soll? Und es sind auch zwei Gründe, warum ich Ihnen zu meiner Weihnachtspredigt dieses Bild zumute, trotz des damit verbundenen Risikos, sie könnten keinen Zugang dazu finden.

Der eine, kleinere Grund für das Bild ist die Darstellung der Maria, genauer: ihres Gesichts: Sie wird nicht dargestellt als eine Dame vom Hof oder in verklärter Schönheit. Sie ist eine Frau aus dem Volk, gesund und mit roten Backen, eine von uns.

Der zweite Grund ist die Darstellung des Christuskindes: Völlig offen, mit ausgebreiteten Ärmchen kommt, ja springt er geradezu den Menschen entgegen. Und er ist völlig nackt – auch das ist nicht so häufig in der damaligen Kunst. Wie der Leipziger Michael Triegel mit seinem völlig nackten Auferstandenen will uns der Künstler, Hans Degeler, sagen: Hier begegnet uns der neue Adam: Wie verletzt, verirrt oder verzweifelt der Mensch auch sein mag: In Christus, mit Gott, der ihm menschlich begegnet gibt es einen neuen Anfang.

Und diese Botschaft ist nicht nur ein Wort , sondern er tut sie: Ganz offen, unverstellt und unverhüllt kommt er uns entgegen; dazu noch völlig wehrlos. Das wird ihm schlecht bekommen. Genauso nackt und wehrlos wird er am Kreuz sterben. Die Menschen konnten mit dieser Botschaft nicht umgehen. So nahe wollten sie Gott nicht haben. Karl Rahner hat dazu geschrieben: „Gott hat sein letztes, sein schönstes Wort im fleischgewordenen Wort in die Welt hineingesagt. Und dieses Wort heißt: Ich liebe Dich, du Welt und du Mensch. Ich bin da, ich bin bei dir…..Ich bin deine Freude. Ich bin in deiner Angst, denn ich habe sie mitgelitten……Ich bin in deinem Tod,……und ich habe mir von diesem Tod wahrhaftig nichts schenken lassen. Ich bin da, auch wenn ihr mich jetzt nicht seht. Und meine Liebe ist seitdem unbesieglich.“

Diese Botschaft, dass die Liebe und die Hingabe des Lebens nicht zu trennen sind, dass aber die Liebe stärker ist als der Tod, das ist nicht nur die Osterbotschaft, es kennzeichnet schon die Art und Weise, wie Christus in die Welt kommt. Und das ist auch der Versuch einer Antwort auf die Frage: wie wir in dieser verrückten Welt Weihnachten feiern können: Indem wir uns selbst und einander annehmen, wie Christus uns angenommen hat. Wir feiern Weihnachten, wenn wir ihn aufnehmen in den Menschen, die uns begegnen, nicht nur in denen, die unsere Freunde sind, sondern vielmehr noch in den Schwachen, den Verletzten, den für uns Schwierigen und vor allem natürlich in den verlorenen Kindern, den ungewollten, den – wie wir meinen - missratenen und denen, die fremd und deren Seele vom Krieg mehr oder weniger zerstört ist. Aber vor unserer Tür, vor Europas Tür liegen auch die bei der Flucht Ertrunkenen und die 1.2 Mil. Minderjährigen, die die UN in den Flüchtlingslagern des Nahen Osten über den Winter nicht mehr ausreichend ernähren kann, weil die teils reichen Mitgliedstaaten ihre Beiträge nicht zahlen.

Wir fragen natürlich, ob Gott die Elenden vergessen hat. Keineswegs. Er hat sie uns anvertraut. Und er weiß, dass wir ihnen helfen können, wenn wir wollen. Und er lässt uns unsere Verantwortung. Der Elenden aber, die wir ihm gerne jetzt schon zuschieben wollten, wird er sich am Ende der Zeit mit Sicherheit erbarmen. Das wissen gläubige Muslime und Christen in gleicher Weise.

Und wir? Zu den Ausgesonderten und Leidenden gehören hier nur einige, relativ wenige. Die Mehrheit von uns steht eher – hoffentlich nicht ganz – dort, wo Jesus im Gleichnis den Reichen schildert, vor dessen Tür der Arme verhungert. Auf mich angewandt wird dann die Eingangsfrage viel heißer: Warum sollte Gott meiner gedenken, wie es in Ps. 8 heißt?

Dazu noch ein paar Zeilen aus einem Gedicht, das Sr. Arlette in die Vorbereitungsgruppe mitgebracht hat:

Wer bin ich, dass ich dir so kostbar bin, so wertvoll in deinen Augen? Unentwegt in deinem Sinn.- Wer bin ich, dass ich dir so kostbar bin?

Wer bin ich, wenn ich nichts mehr bringen kann? Wenn ich leer und nackt vor dir stehe – unverstellt, so wie ich bin, Mit Abgründen in mir drin? Wenn die Schale fällt, was dann? Wer bin ich, wenn ich nichts mehr bringen kann?

Ist Gott für alle Menschen Mensch geworden? Auch für die, die am reich gedeckten Tisch die Armen vergessen? Auch für die, die Regierungen unterstützen oder tolerieren, die sich für unterprivilegierte Jugendliche die notwendige Bildung und Erziehungshilfe nicht glauben leisten zu können? Wenn wir demütig und nackt zur Krippe kommen, dann ist das Christuskind auch für uns da. Jeder, der seine Blöße nicht verbirgt und seine Schwäche und Fehler zugibt und wahrhaft Erlösung, Veränderung sucht, der lebt genug von seiner Gottebenbildlichkeit, dass Gott sich in ihm wiedererkennt. Für alle gibt es Erlösung und die Weihnachtsgeschichten von den Hirten und den Weisen aus dem Osten erzählen uns, dass kein sozialer Stand von Gottes Heil ausgeschlossen ist, sofern er nur ehrlich sucht.

Schauen wir auf das Kind, auf jedes Kind, das uns unverstellt und mit offenen Armen entgegenkommt, auf das Kind in uns, das Kind gleich nebenan und das weiter weg, das doch so nahe ist. Jeden unserer unbeholfenen Versuche wird Gott begleiten.


 

Lesung;  D. Bobnhoeffer schreibt:


Wenn Gott Mensch wird, dann bedeutet das,

dass Gott alles menschliche Wesen Angenommen hat,
dass göttliches Wesen  von nun an nicht anders
als in menschlicher Gestalt gefunden werden kann,
dass in Jesus Christus der Mensch dazu befreit ist
vor Gott wirklich Mensch zu sein.
In der Menschwerdung bekundet Gott sich als den,
der nicht sich selbst, sondern für uns da sein will.


Wenn Gott die Marie zum Werkzeug erwählt,
wenn Gott selbst in der Krippe von Bethlehem
auf diese Welt kommen will,
so ist das nicht eine Idyllische Familienangelegenheit,
sondern es ist der Beginn einer völligen Umkehrung,
Neuordnung aller Dinge dieser Erde.


 

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