Gotteserfahrung und Sendung

Predigt am 7. Feb 2016, C 05 Jes. 6, 2-8; Lk. 5, 1-11.

Bernd Knüfer SJ, Floßplatz 32 04107 LEIPZIG, 0341 42 25 007

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Was in der Lesung heute beschrieben wird, ist wohl eine Ekstase oder ein Traumgesicht des Propheten Jesaia, jedenfalls ein überwältigendes Erlebnis, das sein weiteres Wirken entscheidend geprägt hat und das er in Worten nicht angemessen wiedergeben kann. Er benutzt als Hilfen der Annäherung an seine Berufungserfahrung Bilder vom Hof der Babylonischen Großkönige. Für immer jedenfalls prägt sich ihm der Eindruck von Gottes Heiligkeit, von seiner Größe und Vollkommenheit ein. Gott entsprechend zu verehren ist ein zentrales Anliegen seiner Verkündigung.

Zugleich mit der Erfahrung von Gottes Größe erfährt er seine eigene Unvollkommenheit und Schwäche. Damit wiederum ist verbunden, dass er durch die Nähe Gottes gereinigt wird und gesendet, Gottes Größe zu verkünden.

Bei Petrus und den Zebedäussöhnen geht es weniger dramatisch zu, aber es geht um das Gleiche. Jesus spricht sie genau über die Tätigkeit an, von der sie etwas verstehen, über das Fischen. Petrus sieht den ungeheuren Fang, den sie im Netz haben, ahnt etwas von der Größe Jesu und zugleich wird ihm seine Unzulänglichkeit bewusst und er bekennt sich dazu. Auch er wird im gleichen Augenblick nicht weg geschickt, sondern angenommen als Jünger und als der, der künftig zu den Menschen von Gott sprechen soll.

An beiden Stellen beschreibt die Bibel ein Grundgesetz der Gottesbegegnung und des Gesandt Werdens: Wer Gott begegnet, sei es in einer Gebetserfahrung, in einer Traumvision oder in einem Ereignis, der wird sich blitzartig seiner Begrenztheit und Sündhaftigkeit bewusst.  Johannes vom Kreuz, der spanische Mystiker und Reformator des 16. Jahrhunderts sagt: Wenn einer in das Licht der Meditation kommt, d.h. wenn er im Gebet Gottes gewahr wird, dann ist das, wie wenn in einer alte Rumpelkammer plötzlich die Fensterläden geöffnet werden und die Sonne scheint auf das Gerümpel und den Schmutz vieler Jahre, die Spinnweben und die toten Ratten. Dann erschrecken wir, aber das ist auch der Anfang des Reinemachens. Nur wer sich von Gott reinigen lässt, wie es auch in der Vision des Jesaia mit der glühenden Kohle drastisch gesagt wird, nur der kann Gott nahen ohne zu verbrennen und nur den kann Gott senden. Nur in einem Gefäß, das sauber ist und in dem Gottes Botschaft nicht verfälscht und verdorben wird, nur in einem solchen Gefäß kann Gottes Wort überbracht werden. Der Bote muss davon durchdrungen sein, dass ihn nicht seine Vollkommenheit zum Gesandten Gottes werden ließ, sondern Gottes reinigende und befähigende Tat. Er wird durch seinen Auftrag nicht stolz und arrogant, sondern bleibt bescheiden. So wird auch Papst Franziskus nicht müde, bei Bischofsweihen und Kardinalserhebungen zu sagen: Es wird euch keine neue Würde verliehen, sondern ihr seid berufen zu einem neuen Dienst.

Uns kann dies als Unterscheidungsmerkmal helfen: Wer uns Gottes Willen verkünden will und nicht bescheiden ist, wer nicht zuhören kann und arrogant auftritt, der ist nicht vom Geist Gottes geführt. Wer sich nicht spürbar als Sünder unter Sündern weiß, der hat uns nichts Wesentliches zu sagen.

Wichtiger aber ist, dass wir vor Gott nicht weglaufen und uns nicht wie Adam nach dem Sündenfall „unter den Bäumen des Gartens verstecken müssen“, wenn uns unsere Begrenztheit und unsere Fehler und Sünden bewusst werden. Wenn wir weglaufen und nicht zu unseren Sünden stehen, sondern Ausreden suchen wie Kain, dann trifft uns das Gericht Gottes. Wenn wir uns aber in unserer verletzten und verdreckten Nacktheit vor Gott hinstellen und auf seine Liebe vertrauen, dann heilt und reinigt er uns, wie Jesus die Kranken geheilt hat und er beruft uns zu seinen Zeugen, gleichgültig ob in der Gestalt unseres bürgerlichen Lebens oder im Ordensleben oder in einem kirchlichen Beruf. Laufen Sie dann nicht weg! Sagen Sie dann nicht: „Ich kann nicht.“ Wir müssen nichts können, wir müssen Gott nur durch uns wirken lassen. Wenn wir uns dem aber verweigern, versäumen wir das Glück unseres Lebens.

Es ist wahr: Gottes Ruf zu folgen ist kein Spaziergang, das ist immer eine steile Bergtour oder eine raue Seefahrt ¨C beide Bilder benutzt die Bibel häufig. Aber was nehmen wir nicht alles auf uns, um geschäftlich oder gesellschaftlich aufzusteigen, oder um eines Events oder eines besonderen Erlebnisses willen. Suchen wir die Erlebnisse, die die Seele wirklich satt machen und die unsere Mühe in der Tat lohnen! Jesus sagt einmal zu seinen Aposteln (frei übersetzt): Nicht darüber sollt ihr euch freuen, dass ihr widrige Mächte besiegt habt, sondern darüber, dass ihr bei Gott unvergesslich seid. (Lk10.20)

Unsere Zeit, unsere Mitmenschen brauchen Zeugen von Gottes Liebe und Größe. Setzen wir uns seiner Nähe aus, im Gebet oder im notleidenden Mitmenschen oder in der Natur! Achten wir auf seine Nähe! Nur wenn wir IHN wirklich erfahren haben, nicht das Gebilde unserer Gedanken und Illusionen, nur wenn wir uns von ihm erschüttern lassen, dann haben wir etwas zu sagen, dann können wir zum Heil der Welt beitragen.

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