Predigt: Volk Gottes

In der Reihe der Fastenpredigten predigte Sr. Susanne Schneider MC am 2. Fastensonntag (21. 02.2016) in den Gottesdiensten der Propstei.

Volk Gottes ---- Fastenpredigt am Sonntag, den 21. Februar 2016, 2. Fastensonntag,
Sr. Susanne Schneider MC

Lesung: Jer 32, 36-40

36Jetzt aber - so spricht der Herr, der Gott Israels, über diese Stadt, von der ihr sagt, sie sei durch Schwert, Hunger und Pest dem König von Babel preisgegeben: 37Seht, ich sammle sie aus allen Ländern, wohin ich sie in meinem Zorn und Grimm und in großem Groll versprengt habe. Ich bringe sie wieder zurück an diesen Ort und lasse sie in Sicherheit wohnen. 38Sie werden mein Volk sein und ich werde ihr Gott sein.
39Ich bringe sie dazu, nur eines im Sinn zu haben und nur eines zu erstreben: mich alle Tage zu fürchten, ihnen und ihren Nachkommen zum Heil. 40Ich schließe mit ihnen einen ewigen Bund, dass ich mich nicht von ihnen abwenden will, sondern ihnen Gutes erweise. Ich lege ihnen die Furcht vor mir ins Herz, damit sie nicht von mir weichen.
Evangelium: Lk 9,28b -36

Predigt „Volk Gottes“ 
 
Die vielen Bilder von Kirche, die in den Fastenpredigten vorgestellt werden, sollen uns sensibel machen für unser eigenes Bild von Kirche. Das letzte Mal wurde uns das Bild vom Hirt und der Herde vorgestellt und ich mache nun mit dem Bild vom „Volk Gottes“ weiter.
Noch einmal möchte ich betonen, dass es nicht darum geht, ein Bild auszuwählen und dann dieses Bild in Stein zu meißeln und alle anderen Bilder zu vergessen. Es geht darum, dass Sie sich selbst prüfen, welches Bild für Sie im Augenblick das Beste erscheint. Dann wird dieses Bild befragt, ob es für uns dem Willen Gottes entspricht und dann sollen möglichst viele Gemeindemitglieder in einem längeren Prozess darüber miteinander hier in der Propstei ins Gespräch kommen.
Damit bin ich schon bei einem weiteren wichtigen Hinweis: manche Bilder passen besonders gut in eine bestimmte Situation und Zeit – und andere nicht.

Das Bild vom „Volk Gottes“ ist ein altes Bild. Es stammt aus der Tradition des Volkes Israel, das sich immer als „das auserwählte Volk“ Gottes verstanden hat. Übrigens ist wichtig, warum sich das Volk Israel so verstanden hat: nicht aufgrund von Macht, Wissenschaft, Größe oder Reichtum. Die umliegenden Völker waren, das war Israel klar, da in jeder Hinsicht überlegen. Als Grund blieb nur die nicht erklärbare Liebe Gottes zu ausgerechnet diesem Volk.

Die heutige Lesung ist aus dem Buch Jeremia, einem Propheten, der nach der Babylonischen Gefangenschaft zum Volk spricht. Das Volk hat Schlimmes durchgemacht, wurde beinahe vernichtet und nur wie durch ein Wunder können einige aus Babel ins versprochene Land Israel zurückkehren und die zerstörte Stadt Jerusalem wieder aufbauen. Und derjenige, der ihnen das alles angetan hat, nämlich ihr Gott, verspricht ihnen, dass sie sein Volk sind und dass er für sie sorgen wird. Er erneuert damit eine uralte Zusage, die schon Abraham gehört hatte, dann seiner Familie gegolten hat und immer wieder, wenn es nötig war, wiederholt wurde.
Und auch für Jesus ist es eine Selbstverständlichkeit, zu diesem auserwählten Volk Gottes zu gehören.

Später betonte man andere Bilder. Im Vorfeld des II Vatikanums wurde von der Kirche als „vollkommener Gesellschaft“ gesprochen, die exklusiv im Besitz des Heiles ist, die hierarchisch strukturiert ist und in der die Befehle von oben nach unten gehen.

Damit war dann mit dem II. Vatikanum Schluss. Seinen Siegeszug trat das Bild vom Volk Gottes als Bild von Kirche in der Kirchenkonstitution an: Selbstkritisch und in wohltuender Selbstbescheidung wird dort dauernd vom Volk Gottes gesprochen. Die Kirche ist „Sakrament des Heils“ oder „Communio“ oder eben „Volk Gottes“. 
Die berühmten ersten zwei Worte der Kirchenkonstitution „lumen gentium“ heißen auf deutsch „Licht der Völker“. In der ersten Fassung lautete der erste Satz dieses Textes: das Licht der Völker, das ist die Kirche. Dieser Satz wurde dann umgearbeitet in: Das Licht der Völker, das ist Christus.

Mein zweiter Betrachtungspunkt: Wer gehört zum Volk Gottes?
Normalerweise und wenn es schnell gehen muss, sagt man: alle getauften Katholiken gehören dazu. Doch dann fallen einem sofort die evangelischen und orthodoxen Mitchristen ein. Immerhin wird ihre Taufe anerkannt und wenn sie katholisch werden wollen, müssen sei nicht neu getauft werden. Sie sind ja auf den Namen des Vaters, des Sohnes und des heiligen Geistes getauft, also auf den Namen des dreifaltigen Gottes. Das genügt quer durch die Konfessionen.

Und dann gibt es hier in der neuen Kirche der Propstei und bei uns in der Kontaktstelle und an anderen Orten immer einige Leute, die nehmen am Gottesdienst teil, aber wenn es zur Kommunion geht, verschränken sie die Arme; so dass sie einen Segen bekommen. Vielleicht sind das nicht getaufte gläubigte Menschen, die beten und singen und zum Volk Gottes gehören wollen?
Im Taufunterricht, den ich jede Woche gebe, sage ich diesen Menschen, dass Gott immer ihre Gebete erhört und dass sie ruhig beten dürfen und nicht denken müssen, weil ihnen die Taufe fehlt, seien sie irgendwie ausgestoßen. Gehören sie zum Volk Gottes?

Jesus hat sich zwar zum Volk Israls zugehörig gefühlt und sich diesem Volk besonders zugewandt, aber er hat andere nicht ausgeschlossen. So hat er beispielsweise mit der Samariterin am Jakobsbrunnen, die in moralischer, sexueller und religiöser Hinsicht ausgegrenzt war, tiefe Gespräche geführt. Solche theologisch fundierten Gespräche hätten wohl den Apostel Petrus überfordert – jedenfalls ist mit ihm nicht annähernd ein solch theologisch fundiertes Streitgespräch überliefert.

Auch das Konzil sagt: Kirche, Gemeinde besteht aus mehr Menschen, als man so gemeinhin annimmt. Das eine sind die kirchenrechtlichen Bestimmungen und das andere ist der Wille, die Gnade und die Barmherzigkeit Gottes, der über die Bestimmungen hinausgeht.
Schon Augustinus unterscheidet zwischen der Gemeinschaft derer, die durch äußere Zeichen, das sind Sakramente, Heilige Schrift und kirchliche Autorität verbunden sind und denen, die an der unsichtbaren Wirklichkeit Gottes teilhaben. So kann er den Satz formulieren: "Viele, die drinnen sind draußen, und viele, die draußen sind, sind drinnen.

Wenn wir unsere Umwelt betrachten und die 80% Nichtchristen, die unsere Nachbarn, Kollegen und vielleicht auch Freunde sind, dann fällt es uns hoffentlich schwer, genau zu unterscheiden, wer wie vor Gott steht. Wir können vielleicht feststellen, ob sie getauft sind und dafür eine Bescheinigung haben. Wir haben aber nicht das Recht, über die Gewissenshohheit anderer Menschen zu urteilen.
Als Christen, die zum Volk Gottes gehören wollen, haben wir die Pflicht, immer wieder unser eigenes Gewissen zu prüfen. Damit bin ich beim dritten Punkt: Was bedeutet unsere Berufung als Volk Gottes?
Zunächst einmal haben wir alle hoffentlich eine Erfahrung gemacht, die der Erfahrung des Petrus im heutigen Evangelium gleicht. Jesu Verklärung hat ihm so gefallen, dass er sofort drei Hütten bauen wollte. Sicherlich hat er gedacht: endlich zeigt sich die Herrlichkeit Jesu in ihrer vollen Pracht.
Karl Rahner nennt das „der Christ der Zukunft wird ein Mystiker sein, also einer, der etwas erfahren hat.“ Auch wir haben im Verlauf unserer Geschichte etwas erfahren. Und wir haben uns davon ansprechen lassen, sonst wären wir jetzt nicht hier.
Und so bedeutet die Berufung zum Volk Gottes, dass wir unsere besondere Verantwortung als Getaufte ernst nehmen. Das Konzil betonte mit der Bezeichnung vom Volk Gottes neben der Berufung der geweihten Amtsträger die Berufung der Laien. „Laie“ ist ein schwieriger Begriff, genaugenommen ist er sogar falsch, denn eigentlich sind wir in Bezug auf unser Christsein „Profis“. Wir sind Subjekte der Kirche.
Wir getaufte und gefirmte Christen zeigen mit unserem Leben, wie Christsein heute geht. Das ist auch deswegen so aktuell, weil wir uns in Zukunft in Deutschland auf kleinere Zahlen einstellen müssen. Jede und jeder von uns muss sich fragen, was Gott in sie/in ihn hineingelegt hat und wie die jeweilige besondere Berufung aussieht.

Allgemein geht es natürlich darum, sich immer wieder zu Glaube, Hoffnung und Liebe aufzuraffen. Als mögliche konkretere Ideen möchte ich drei nennen: Eine Frau ist sozial wach und kümmert sich deswegen besonders um christliche und muslimische Flüchtlinge. Ein anderer Mann ist berührt von der Ungerechtigkeit, die seine Freundin als Frau in ihrem Betrieb erleidet und deswegen unterstützt er Frauen in Gesellschaft und Kirche. Und ein anderer betet regelmässig in der Werktagsmesse für die Mitarbeiterinnen und Besucher im Lesecafe. 

Bitten wir um Gottes Beistand, dass wir diese große Berufung erkennen, uns daran freuen und sie mit anderen Menschen teilen. Amen.

Zurück zu Predigten