„Eine Finsternis legte sich auf das Land“

Karfreitag 2016

Bernd Knüfer, Floßplatz 32 04107 LEIPZIG Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein! 42 25 007


 

Eine Finsternis legte sich auf das Land“ und als sie ihren Höhepunkt und ihr Ende erreicht hatte, rief Jesus mit lauter Stimme: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ Der Ps. 22, der hier zitiert wird – wir haben ihn gestern gebetet – endet mit einem Lichtblick, mit einem Lobpreis Gottes. Und so können wir den Karfreitag auch nur dann christlich begehen, wenn er letztlich in die Feier der Auferstehung mündet.

Ein echtes Ostern feiern wir aber nur, wenn wir es mit Christus feiern, von dem es im Glaubensbekenntnis heißt: „Hinabgestiegen in das Reich des Todes.“ Nur wenn wir mit ihm durch den Tod gehen und nicht nur ein bisschen hinschauen, nur wenn wir Dunkelheit, Ohnmacht und Schmerz nicht verdrängen und nicht kompensieren, nur dann ist unser Ostern realistisch und nicht aufgepappt.

Christus ist wirklich gestorben – für den gläubigen Moslem, der Isa als den größten der Propheten vor Mohamed verehrt, ist das unerträglich. Für ihn geht das nicht, dass Gott seinen Propheten scheitern lässt. Wir stehen vor der Entscheidung, ob wir beim Kreuz Christi ausharren, wie die Frauen, die Jesus gefolgt waren, oder ob wir weglaufen, wie die Jünger. Jesus fordert uns auf, mit ihm das Kreuz zu tragen. Schauen wir hinein in die Dunkelheit unserer Zeit: Die Kriege von der Ukraine über Nahost bis Zentralafrika; die Dürre und Hungersnot von Äthiopien über Simbabwe bis Angola. Solange wir von Elend und Krieg nur aus den Medien wissen, können wir noch abschalten und verdrängen. Jetzt tritt uns beides die Türe ein, steht mitten im Raum: durch den Terror, die Flüchtlinge und die Radikalisierung mitten in Europa. Wir haben zum Teil gelernt in der Hochleistungsgesellschaft zu leben und sie zu managen – allerdings nicht die 20-30%, die es nicht schaffen und auf unterschiedliche Weise ausgesondert werden. Papst Franziskus sagt, wir machten sie zu Müll: Die austherapierten Psychiatriepatienten, die Nicht-eingliederungsfähigen usw. Aber wie gehen wir mit Millionen Flüchtlingen um? Wie mit Terror?

Das alles ist kein Finanzproblem. Das Geld wäre da, wenn wir zum Verzicht bereit sind. Es ist auch kein Organisationsproblem, wie es scheint. Wir haben genügend Experten, die Riesenevents managen können. Aber wir wollen uns nicht einschränken und wir wollen es nicht können. Es muss demonstriert werden, dass die Flüchtlinge nicht integrierbar sind. Wir gestehen uns nicht ein, dass wir die Folgen unserer Kolonial- und Weltwirtschaftspolitik, der Klimaveränderung und der Waffenexporte zu spüren bekommen. Jetzt zeigen die Gottvergessenheit oder der Gottesmissbrauch unserer verschiedenen Gesellschaften ihr wahres, unmenschliches Gesicht, denn wer Gott vergisst oder lästerlich als Förderer der Gewalt anruft, der kann den Menschen, Gottes Abbild, nicht achten. Und wer den Menschen nicht achtet um seines Menschseins willen, hat vergessen oder nie gewusst, wer Gott ist.

Aber reden wir nicht nur von Staat und Gesellschaft! Wir selbst stehen oft der Ohnmacht gegenüber - so wie Jesus. Er hat das Unheil nicht verursacht, er stellt es dar. Am Kreuz wird die Grausamkeit deutlich, die Menschen gegen Menschen leben können, am Kreuz wie auch in jedem verstümmelten, verhungerten oder seelisch zerstörten Kind. Zuerst in ihnen, dann auch in jedem gebrochenen Erwachsenen.

Wie gehen wir damit um? Oft schieben wir Gott die Schuld zu, wenn wir nicht mehr weiterwissen. Warum lässt er zu, dass wir uns in unserer mehr oder weniger großen Freiheit gegenseitig quälen? Soll er uns die Freiheit nehmen und damit auch die Möglichkeit zu lieben? Ein 15jähriger kann sein Fehlverhalten noch teilweise damit entschuldigen, dass er es in seiner Familie oder seiner Gruppe nicht anders gelernt hat. Ein Erwachsener müsste konsequenter Weise zu seiner Verantwortung stehen oder um Entmündigung bitten.

Verantwortung übernehmen heißt oft erst einmal aushalten, wie Jesus am Kreuz oder wie ein Armer auf dem Müllberg; aushalten um genau zu spüren, welcher Art mein Unheil ist, wie es entstanden ist und wie ich es mitverursacht habe. Es geht nicht um grübeln oder Schuldzuweisung. Es geht darum, genau hinzusehen, um effektive Wege der Heilung zu erkennen.

Dazu gehört, dass wir erkennen, dass nicht nur die, die die Macht haben um im Großen oder Kleinen Unheil anzurichten, die Verursacher des Leids sind, sondern auch alle, die den nächsten kleinen Schritt nicht gehen, der nötig und möglich wäre. Wer es sich auf dem Müllberg seines Lebens auf einer versifften Couch bequem macht und seine Ohnmacht zelebriert, der ist kein Gekreuzigter, sondern ein Kreuziger. Er zimmert mit an dem Kreuz, auf das andere in der Tat genagelt werden.

Wenn wir zu denen gehören – sei es durch Schicksal oder politische Gegebenheiten - die wirklich ans Kreuz genagelt sind in die absolute Ohnmacht hinein, dann bleibt nur noch das Aushalten in Geduld. Aushalten um zu spüren, welcher Art das Unheil ist, wie es entstanden ist und wann es schlimmer wird, wann leichter. Dann können wir vielleicht doch einen Ausweg finden. In der Geduld kann die Kraft wachsen entweder den kleinen Schritt zu gehen, der noch möglich ist oder sich dem wirklich Unvermeidbaren zu ergeben und denen zu verzeihen, die uns nach unserer Meinung in das Elend gebracht haben.

Wenn wir das können, dann ist uns Gott nicht fern, auch wenn er sich nicht in guten religiösen Gefühlen oder in Gelassenheit zeigt. Solange wir meinen Gott müsse sich so zeigen, wie wir es uns wünschen, und nicht so, wie er ist, dann hängen wir noch in unserem alten Egoismus. Den Unendlichen, Unbegreiflichen finden wir erst, wenn wir uns ihm ergeben, wenn wir sagen können: „In deine Hände gebe ich meinen Geist.“ In diesem Augenblick beginnt die Auferstehung. Gelegentlich können wir sie bei befreit Sterbenden oder wirklich selbstlos Handelnden erleben. Gott gebe uns, dass wir sie in uns erfahren.

 

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