Auferstehung im Alltag

Ostern 2016

Bernd Knüfer SJ, Floßplatz 32, 04107 LEIPZIG, 42 25 007, Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!

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Osterso. 2016 C Röm.6.3-11; Joh. 21.1-14.

 

Sie haben jetzt wahrscheinlich die für den Ostersonntag gewohnte Fassung der Osterbotschaft erwartet. Sie wird immer genommen aus der Jerusalemer Ostertradition. Es gibt aber auch eine davon möglicherweise unabhängige Galiläische Ostertradition und die ist unserem Erleben, wie mir scheint, näher. Wir haben in der Regel keine überwältigende Begegnung mit dem Auferstandenen, wie die Frauen, die unter dem Kreuz ausgehalten haben, und wie die Apostel. Und doch glauben wir der Botschaft, dass der Herr auferstanden ist. Dazu muss es auch in unserem Leben Spuren von Auferstehungserfahrung geben, Erfahrungen, dass die Liebe und das Leben stärker sind als der Tod und dass wir darin Gottes Spur in unserem Leben entdecken.

Wenn wir nun die Bilder der eben gehörten galiläischen Auferstehungstradition entschlüsseln, können wir viele Hinweise entdecken, wie wir dem Auferstandenen in unserem Leben begegnen können.

Der Anfang der Geschichte spielt im Morgengrauen. Da sehen wir noch nicht so gut, aber der Tag will kommen. Zuerst aber kommt der Frust. Die Jünger sind wieder zu Hause in Galiläa. Die Sache mit Jesus ist vorbei. Jesus ist tot. Sie gehen wieder zu ihrem alten Beruf, dem Fischen. – Immerhin, sie machen etwas und sie tun es gemeinsam und verziehen sich nicht jeder in seine Ecke. Aber schon kommt die zweite Enttäuschung: Sie arbeiten eine Nacht lang und fangen nichts. Das kennen wir: eine Nacht lang arbeiten, Nacht im direkten oder übertragenen Sinn verstanden, und das ohne Erfolg.

Aber das verbittert die Apostel nicht so, dass sie alles hinwerfen und sich ganz verschließen. Sie lassen sich von dem Unbekannten am Ufer auffordern, es nochmals zu versuchen – auf der anderen Seite des Bootes, d.h. doch wohl: Es anders zu versuchen, denn sonst wäre die Aufforderung nicht ernst zu nehmen. Gefischt wird nachts. Und mit diesem anderen Versuch auf das Wort des seltsam anders Begegnenden hin haben sie einen riesengroßen Erfolg.

Das Bild hat wahrscheinlich noch eine zweite noch wichtigere Bedeutungsebene: Zunächst haben die Apostel – die anderen Ostererzählungen jetzt vorausgesetzt - ganz selbstverständlich unter den Kindern Israels „gefischt“, d.h. sie haben die Botschaft von Jesus weitergesagt. Sie waren ja zu „Menschenfischern“ berufen worden. Aber sie hatten nur wenig Erfolg. Da mussten sie sich vom Geist Gottes in ihrem Herzen sagen lassen: Versucht es einmal „auf der anderen Seite“, versucht es bei den Heiden, den Fremden. Und da wuchs die Gemeinde sprunghaft an.

Indem sie sich auf das Fremde und Ungewohnte eingelassen haben, haben sie einen Neuanfang erlebt, wurde ihnen deutlich, dass Jesus mit ihnen geht, dass der Geist Gottes sie führt. Sie machten eine Auferstehungserfahrung. Und sie hielten an dieser Marschrichtung fest, obwohl sie auch zu vielen Anpassungsproblemen führte, wie in der Apostelgeschichte und im Galaterbrief zu lesen ist.

Eine solche Erfahrung steht auch uns offen: Im privaten und beruflichen Leben ebenso, wie im Leben unserer Gemeinden, in Krankheit oder Arbeitslosigkeit wie in Konflikten. Wenn wir nicht dasitzen und jammern: „Ich weiß auch nicht, was ich machen soll. Nie kann man sicher sein, ob der nächste Versuch nicht wieder ein Fehler ist.“; wenn wir vielmehr still werden und lauschen, lauschen mit all unseren Sinnen, so wie man in die Dämmerung oder den Nebel hineinlauscht, ob da nicht eine Stimme zu hören ist, in der uns Gott eine Botschaft sendet, und wenn wir dann versuchsweise und vorsichtig handeln, immer bereit zur Korrektur aber auch immer bereit zum Weitermachen, dann, ja dann kann sich Neues ereignen.

Wir können meist nicht warten, bis wir eine untrügliche Garantie haben, der nächste Schritt sei der richtige. Wir müssen geleitet vom Hören auf den Geist Gottes, der in uns und in der Gemeinschaft der Kirche spricht, den nächsten Schritt wagen.

Das Evangelium beschreibt uns, wie die Jünger unsicher sind, wer dieser Fremde am Ufer denn sei. Sie ahnen immer mehr, dass es Jesus ist, sie trauen sich aber nicht zu fragen.

Wir kennen diese Spannung auch bei uns: Es gibt Fragen, die wir nicht allein mit dem Kopf entscheiden können. Da ist unser Gespür, unsere Intuition gefordert. Ob ich einem Menschen vertrauen kann, muss ich zwar vernünftig prüfen. Letztlich aber muss ich mich auf mein Herz verlassen, ob ich hier Vertrauen riskieren kann.

Für die Apostel war es erst einmal nicht vernünftig nach einer erfolglosen Nacht das Netz auf der anderen Seite nochmals auszuwerfen. Es war auch für einen Juden unnormal den nicht auserwählten Völkern die Botschaft vom Messias zu verkünden. So ist auch bei uns vielen der Gedanken fremd, Nichtchristen zu einem geeigneten Anlass in die Gemeinde einzuladen oder mit ihnen über Gott oder das ewige Leben zu sprechen. Die Apostel haben den Schritt ins Ungewohnte gemacht, weil sie einem inneren Ruf folgten, und weil der Mensch am Ufer vertrauenswürdig schien. Und sie hörten auf den Jünger, den eine besondere Zuneigung mit Jesus verbunden hat, auf Johannes. Er sagte das entscheidende Wort: „Es ist der Herr!“ Und Petrus, der Chef, und die anderen hörten auf ihn.

Wer sind in unserer Umgebung die Menschen, die zuerst merken, in welche Richtung der Weg weitergeht? Hören wir ihnen zu! Und wenn Sie selbst das Gefühl haben: Jetzt ist es Zeit für einen Neuanfang. Trauen Sie sich dazu zu stehen und den Mund aufzumachen.

Für unser alltägliches Leben kann das auch heißen, dass wir uns evtl. auf einen neuen Beruf, auf neue Menschen oder auf neue Prioritäten in unserem Leben einlassen müssen, oder dass wir das Gleiche nur anders machen, etwa versöhnlicher, oder nicht mehr als Einzelgänger, oder bescheidener.

Es geht immer wieder um das Gleiche: Dass wir die Kraft der Auferstehung erfahren im Wagnis des Ungewohnten, nicht dickköpfig oder waghalsig, sondern hinhörend auf die Stimme dessen, der im Morgengrauen nach einer frustrierenden Nacht leise zu uns spricht.

 

Ich wünsche uns allen, dass wir in allen schwierigen Situationen nicht traurig auf die leeren Netze vergangener Mühen schauen, sondern den Blick heben um zu entdecken, welcher Kurswechsel für uns angesagt ist, welche neue Möglichkeit sich uns eröffnet. Je sorgfältiger wir darauf achten, Gottes Willen zu verstehen, und je gemeinschaftlicher wir dies tun, desto eher werden wir die befreiende Kraft des Evangeliums und die Nähe des Auferstandenen erfahren.

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