Ostern: Der Sünde gestorben, leben wir aus Gottes Kraft

2. Ostersonntag, C 2016

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2. Ostersonntag, C 2016; Kol. 1.1-5+9: Gal. 2,16.19+20; Joh. 20.19-31.

Kol.3.1+2: Ihr seid mit Christus auferweckt! Richtet euren Sinn auf das Himmlische, nicht auf das Irdische! Gal. 2. 19 +20: Weil ich mit Christus am Kreuz gestorben bin,  lebe in Wirklichkeit nicht mehr ich, sondern Christus lebt in mir.

Als erstes möchte ich heute Ihre Aufmerksamkeit auf den Eingangsvers richten, der über dem Ostersonntag steht: „Auferstanden bin ich und bin nun immer bei dir.“

Diese wunderbare Zusage geht meistens an uns vorbei, weil ein Lied oder ein Chorsatz den Anfang des Ostergottesdienstes gestaltet. Vielleicht sagen Sie auch: „Dass der Auferstandene immer bei mir ist, das nehme ich so nicht wahr. Im Gegenteil: Oft fühle ich mich alleine und verlassen.“

Trotzdem geht Paulus noch weiter und sagt: „Christus lebt in mir.“ Diese Aussage betrifft zunächst das Erleben des Apostels. Aber auch für uns ist es nicht nur eine Verheißung auf eine ferne Zukunft hin, sondern es ist auch unsere Gegenwart. Da wird allen Christen gesagt: „Ihr seid in der Taufe der Sünde gestorben und mit Christus auferweckt.“ Unsere Selbstwahrnehmung aber ist meistens doch die, dass mitunter die Sünde in uns noch sehr lebendig ist, in alltäglichen Schwächen ebenso wie größeren Vergehen, die uns mehr oder weniger ungewollt passieren oder die wir bewusst begehen. Auch das hat

Paulus am eigenen Leib erlebt, wie wir im Römerbrief lesen können: „Ich tue nicht das Gute, das ich tun will, sondern das Böse, das ich nicht will.“ (Rö,.7.19) Er beschreibt dieses Dilemma im 7. Kapitel dieses Briefes ausführlich und endet dann: „Wer wird mich retten aus diesen zum Tode führenden Begierden? Dank sei Gott durch Christus unseren Herrn.“ Er vertraut darauf, dass das neue Leben aus der Liebe Christi ihn retten wird.

Wie kann dieser Paulus mit seinen Unausgeglichenheiten und seiner Verletzlichkeit das erhoffen? Ich meine, dass das Zentrum seiner Wahrnehmung nicht bei der Sorge um seine Fehler und Schwächen liegt, sondern bei der Liebe Christi, den er im Heiligen Geist in sich und als Bruder neben sich erlebt. Es ist ja ein kühnes Wort, zu sagen „Nicht mehr ich lebe, sondern Christus lebt in mir“. Aus eigener Kraft schafft er das nach seinen eigenen Worten nicht – und wir schaffen es, wenn wir ehrlich sind, auch nicht. Darum geht es aber auch nicht, denn der neue Weg Christi ist nicht ein Weg der sittlichen Leistung, wie das Gesetz im Alten Testament; der Weg Christi ist ein Weg der Liebe Gottes, die uns vor aller Leistung geschenkt wird. „Gott hat uns zuerst geliebt“ (1Joh.4.10) heißt es im ersten Johannesbrief. Und diese schenkende Liebe Gottes ist uns im Kreuz Christi endgültig geoffenbart worden, wo er dem mit ihm gekreuzigten Straßenräuber das ewige Leben verheißt und für die betet, die ihn kreuzigen. Zu dieser Offenbarung der Liebe Gottes gehört aber auch, dass Christus als der Lebende erfahren wird, als der, den der Tod nicht festhalten kann. Es gehört dazu die Botschaft, dass die Liebe bei allen, die sich ihr nicht völlig verschließen, stärker ist als der Tod, denn Gott ist die Liebe.

Auf diese Liebe sollen wir unsere ganze Aufmerksamkeit richten. Sie begegnet uns in tausend Zeichen in unserem Leben: In der Hilfe eines Mitmenschen oder im Lachen eines Kindes, in der Natur und im Wunder unseres eigenen Lebens, das auch dann noch ein Wunder ist, wenn wir an unserem Leben und unserem Körper leiden. Es ist wirklich die Frage, wohin wir unsere Aufmerksamkeit lenken. Achten wir mehr auf unser Versagen oder auf die seelischen wie die körperlichen Schmerzen oder darauf, dass Gott gerade im Leid bei uns ist. Vielleicht haben sie es schon einmal erlebt, dass Sie selbst oder ein Schwerkranker für kurze Zeit sein Leiden vergessen kann in der Freude über einen unerwarteten lieben Besuch. Warum muss das nur für kurze Zeit sein. Ich sage nicht, dass es einfach ist, im Leid mehr auf das Leben als auf den Schmerz zu achten. Aber es ist möglich. Und es um so mehr möglich, wenn wir nicht ganz von Schmerz und Enttäuschung angefüllt sind, sondern nur zum Teil.

Wie kann Paulus sagen: „Nicht mehr ich lebe, sondern Christus lebt in mir.“ ? Er hat es wohl gelernt, dass seine Aufmerksamkeit nicht mehr gefangen ist von seinen Fehlern und seinen vielfältigen Leiden. Seine Leben ist ausgerichtet auf die Gegenwart Christi in ihm und in seinem Leben. Er hat ja den historischen Jesus nie gesehen. Sein inneres Auge schaut auf den erhöhten Christus, der ihm im Damaskuserlebnis begegnet ist. Nach ihm richtet er sich aus, auf ihn vertraut er. Sie sagen vielleicht: „Der tut sich leicht. Den hat ein großes Erlebnis völlig verändert.“ Aber es geht nicht um die großen Erlebnisse. Dafür müsste man auch bereit sein, denn die Erschütterung, die damit verbunden ist, will und verträgt auch nicht jeder. Der Weg der meisten Menschen, deren Leben Gott prägt und die aus dem Glauben leben, ist geleitet von kleinen stillen Zeichen. Die markieren ihren Weg und die erkennen sie oft erst im Zurückschauen als einen Fingerzeig Gottes. Manchmal nehmen wir aber auch im Prozess einer

Entscheidung oder eines Tuns seine Führung wahr. In den Osterevangelien sagt uns z.B. die Emmauserzählung dass uns Christus immer begegnet, wenn wir einen Fremden selbstlos einladen oder wenn wir das Gedächtnis Jesu in der Eucharistie feiern. Dabei sind allerdings oft ‚unsere Augen gehalten‘, wie die der Emmausjünger. Von ihnen heißt es, dass sie so in ihrem Schmerz versunken waren, dass sie ihn als Auferstandenen nicht erkannten. Wir müssen unseren Schmerz, der meist auch ein Stück Selbstmitleid in sich hat, nach einer angemessenen Zeit der Trauer hinter uns lassen können. Wir müssen unser Untergehen in unseren Wünschen, Vorlieben und Leidenschaften hinter uns lassen, damit sie uns den Blick auf das wahre und allezeit sprudelnde Leben nicht verstellen. Das ist gemeint, wenn es in der Lesung geheißen hat: „Sucht das Himmlische, nicht das Irdische.“ Damit ist nicht gemeint, wir sollten weltfremd auf Wolke sieben herumträumen und die Erde unter den Füßen vergessen. Es heißt eher: Sucht die Liebe, die bleibt und nicht die Befriedigung eurer ichhaften Bedürfnisse, die alle vergänglich sind und euch nie wirklich satt machen. Das ist schwierig, weil wir dabei unser egoistisches Ich hinter uns lassen. Deshalb spricht Paulus auch von einem Sterben. Die meisten christlichen und auch nicht-christlichen geistlichen Lehrer folgen ihm darin. Wenn du die unendliche Tiefe deines eigenen Wesens sehen oder auch nur ahnen willst, die Tiefe, in der Gott wohnt, wie schon Augustinus sagt, dann müssen wir die Sorge um unser kleines Ich, das tausend Wünsche und Klagen hat, liegen lassen. Wir müssen es nicht erschlagen, denn da wandern die Wünsche und Schmerzen ins Unterbewusste ab und beherrschen unser Handeln von Neuem, an unserem freien Willen vorbei. Wir lassen sie nur nebenan liegen, sofern sie nicht auf Probleme hinweisen, die wir aufgreifen müssen. Wir wenden uns Gottes immer neuem Leben in uns zu. Immer auf die Liebe Gottes zu achten verändert unser Leben viel nachhaltiger, als wenn wir – evtl. aus Ehrgeiz – unsere Fehler bekämpfen. Mangels Aufmerksamkeit vertrocknen dann die Begierden und die Schmerzen beherrschen uns nicht mehr. Wer vorrangig auf die Liebe Gottes oder das Leben als sein Geschenk achtet, wandelt tatsächlich in einem neuen Leben. Das geht nicht schnell, das muss man langsam lernen. Aber es geht und wer auf diesem Weg ist, der kommt schon im Wandern immer mehr an. Dann gilt wirklich: „Der Weg ist das Ziel.“

Auferstanden bin ich und bin nun immer bei dir.“ In der Tat, es ist so. Der Auferstandene ist durch keine historische Daseinsform begrenzt. Er kann uns in vielfacher Gestalt und in jedem Ereignis begegnen und er ist sicher zu finden in unserem Innersten. Leben wir Ostern, indem wir auf diese Gegenwart achten. ER ist immer im Jetzt.

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