Ostern "nach Ostern"

Predigt zum 3. Ostersonntag 10. April 2016 Lesejahr C, Joh 21,1-19

Hermann Kügler SJ,  Hainstr. 12,  04109 Leipzig,  fon: 21 25 704

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Vor zwei Wochen haben wir Osternacht gefeiert. Mit den Zeichen von Licht und Wasser, mit Gebeten und Liedern haben wir den Ursprung unseres Glaubens vergegenwärtigt: dass auch Schuld und Leid, ja nicht einmal der Tod widerlegt, dass Gott treu zu uns steht in allem. Nicht einmal das Nichts ist ein Argument gegen seine Liebe, solange einer dieser Liebe traut, wie Jesus ihr getraut hat. Wer durch das Geschick seiner Lebtage einmal in schlimme Not geraten, wer schon einmal an den Abgrund der Angst gestoßen war - der Angst um sich oder um einen anderen hatte, der ihm viel bedeutet, - der hat Ostern, diese auch noch die Angst besiegende Macht des Gottvertrauens, vielleicht schon an sich selbst erfahren, wenn er auch noch in diesen Stunden den Glauben gewagt hat.

 

Aber Ostern hat keineswegs nur mit den Notfällen unseres Daseins zu tun. Im Gegenteil: Mindestens genauso nötig haben wir diese Aufrichtung des Lebens mitten in der Banalität unserer gelebten Werktage. Denn die können bleischwer auf uns liegen - ein einziges Gespinst aus Gleichgültigkeit und einem endlosen Drehen im Kreis. Wir können anstellen, was wir wollen, uns plagen und schinden - und bleiben trotz aller neuen Schminke die Alten. Verurteilt, die zu sein, die wir halt sind mitsamt dem, was wir an uns selbst nicht ertragen. Erlösung, Ostermorgen, neues Leben - was ist mit diesen Verheißungen, die der Glaube macht? Augenwischerei, billiger Trost? Oder gibt es ein Ostern auch für das Leben, das wir verräterisch das "normale" nennen?

 

1. Das heutige Evangelium stellt sich eben dieser Frage und beantwortet. Das geht schon mit Äußerlichkeiten an: Das 21. Kapitel des Johannesevangeliums, aus dem wir vorhin ein Stück gehört haben, ist ein Nachtrag. Das 20. Kapitel davor endet unzweideutig mit feierlichen Schlussworten. Dem Evangelisten aber war es nicht genug damit. Er stand mit seiner Gemeinde haargenau vor dem Problem, das auch das unsere ist. Er muss sich etliche Jahrzehnte nach dem Karfreitag und dem Ostermorgen in Jerusalem die Frage stellen, was denn nun Ostern für ihn jetzt bedeutet, wo alles längst wieder seinen Gang geht in der Welt, wie es ihn immer ging - der Frage also, ob es denn auch ein „Ostern nach Ostern“ gibt. Seine Antwort kleidet der Evangelist in eine Geschichte, weil die viel treffender als Lehrsätze auszudrücken vermag, wie die Antwort lauten muss.

 

2. Und er erzählt: Jerusalem liegt weit fort, wie vergessen. Die Jünger sind wieder in Galiläa. Petrus sagt: Ich gehe fischen. Und die anderen gehen mit. Sie üben wieder ihren alten Beruf aus - wie vor der Begegnung mit Jesus und dem, was mit ihm geschah. Und es ist, wie es oft ist: Sie fahren mit dem Boot auf den See in die Nacht hinaus und fangen nichts. Die schaukelnde Nussschale über dem Abgrund, das undurchdringliche Dunkel darüber, das leere Netz ist wie das Leben: nichts zu sehen, nichts zu hoffen, die Mühe umsonst.

 

Als der Morgen graut, steht Jesus am Ufer, ohne dass die Jünger ihn erkennen. Nach langer Nacht dämmert ihnen von jenseits des Ortes, wo sie sich befinden, was diese lähmende Vergeblichkeit von ihnen nehmen könnte: das, wofür Jesus steht, was er verkörperte. Aber das erkennen sie noch nicht. Der ihnen Unbekannte sagt zu ihnen einen seltsamen, irgendwie unpassenden Satz: Meine Kinder, habt ihr nicht etwas zu essen? Also: Was habt ihr gewonnen, was habt ihr mitgebracht aus eurem Leben, wie es so geht? Antwort: Nichts. Das ist ganz ehrlich und trostlos.

 

Aber in der seltsamen Anrede "Meine Kinder" steckt schon der Wink, was denn dieses Leben anders zu machen vermöchte: Kinder müssen nichts haben und machen und leisten, um da sein zu dürfen. Sie sind. Das ist ihr Sinn. Und sie vertrauen, dass das genug ist, um gemocht zu sein. Der vom anderen Ufer, von jenseits, redet die Jünger als Kinder an, heißt sie also, wie Kinder voll Vertrauen zu sein und in diesem Vertrauen nochmals das Netz auszuwerfen.

 

Die rechte Seite des Bootes hat für uns Menschen womöglich eine tiefe sinnbildliche Bedeutung: Rechts etwas tun, meint: etwas bewusst erfahren, in Worten aussprechen, sich aneignen vom eigenen Standpunkt her. Als die Jüngerinnen und Jünger tun, was Jesus ihnen sagt, füllt sich ihr Netz so reich, dass sie es gar nicht mehr einholen können. Was vorher vergeblich und nutzlos erschien, erweist sich jetzt auf einmal von einem Reichtum, der überschwänglich heißen muss. Das Leben selbst ergreifen, als das eigene Leben; ermutigt dazu vom anderen Ufer, vom Jenseits her, dass ich dem Leben trauen darf - das erst lässt entdecken, was Gott in diesem meinen Leben alles angelegt hat. Aus dem, was das Wort des Unbekannten bewirkt, erkennt der Lieblingsjünger: Es ist der Herr! Und Petrus handelt und springt ins Wasser, dem Herrn entgegen - wie wenn die zwei Jünger Sinnbilder der zwei Seiten im Menschen wären: die betrachtende, die das Geheimnis des Lebens gefühlsmäßig erspürt, und die aktive, die das Leben in die Hand nimmt, damit es nicht verloren geht.

 

Und noch ein seltsamer Zug begegnet in dieser Geschichte: Als die Jünger an Land kommen, finden sie ein Kohlenfeuer und darauf Fisch und Brot. Obwohl sie doch von Jesus gefragt worden waren, ob sie etwas zu essen haben, brauchen sie die selbst gefangenen Fische jetzt gar nicht. Es ist schon etwas bereitet. Sie brauchen das Eigene nur noch dazuzulegen. So ist ein Leben, das im Vertrauen auf das gelebt wird, was von jenseits kommt: Es findet sich noch vor allem, was es selbst zusammenbringt, unverhofft beschenkt. Wer beschenkt ist, braucht nicht mehr zu raffen. So entdeckt er, dass überreich ist, was er im Netz seines Lebens gefangen hat. Wie der Petrus, der 153 Fische zählt: so viele, dass er sie gerade noch ans Land bringt, und nicht zu viel, sodass das Netz nicht zerreißt.

 

3. Mit dem, wie er lebte und war und starb, lehrte Jesus ein Gottvertrauen, das uns das eigene Leben anders, neu sehen und darum anders, neu leben lässt. Sein Sinn bemisst sich nicht mehr am Erfolg und Misserfolg der Mühen, die es abverlangen mag. Das wird zweitrangig. Leben ist Leben, indem ich mein Netz „auf der rechten Seite“ auswerfe: also mein Leben lebe, nicht so, wie man lebt, sondern wie es mir zugedacht ist in meiner Einmaligkeit, weil jeder und jede einzig seines bzw. ihres leben kann und niemals ein anderes - im Vertrauen, dass es gut ist mit mir. So fällt die bleierne Schwere ab. Ich atme auf. So geschieht Ostern im Werktagsgewand.

 

Von selber vermag ich das nicht. Einer von jenseits muss mich ermutigen. Und er tut es. Es ist der Herr. Es ist genug, dass es ihn gibt. Und dass wir um ihn wissen. Die Frage: „Wer bist Du?“ wäre schon zu viel. Und wo er uns begegnet, um Ostern von jenseits her anzustiften in uns, sagt uns der Schluss der Geschichte: Kommt her und esst, sagt Jesus, und er nahm das Brot und gab es ihnen. In der Eucharistie geschieht die Ermutigung zum Aufleben: in das schwebende Ahnen unserer Seele wird sein Wort hineingesprochen, das heilige Zeichen eingesenkt, beidem getraut. Und es geschieht Ostern im Alltag.

 

nach einer Anregung von Klaus Müller, Münster

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