Der gute Hirte führt über den Kreuzweg zum Leben

Predigt zum 4. Ostersonntag Lesejahr C 2016, Offb. 7,9-17; Joh. 10,27-30

Bernd Knuefer SJ, Floßplatz 32, 04107 LEIPZIG, tel. 42 25 007 Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein! www.orientierung-leipzig.de

 

Vorbemerkung zur Lesung:

Wir hören eine Lesung aus der Offenbarung des Johannes. Diese bezieht sich zunächst auf die Endzeit, die Vollendung unserer Welt bei Gott. Sie spricht aber auch von Gesetzmäßigkeiten, die sich in der Geschichte der Menschen immer wieder zeigen: Sie spricht von der Verfolgung derer, die nach Gottes Gesetz zu leben versuchen, und zugleich davon, dass sie von Gott in aller Not geführt und letztlich gerettet werden.


 

Das Bild, das uns da in der Lesung gegeben wird, ist schon heiß – ich hoffe sie haben da nicht gleich abgeschaltet: „Die aus der großen Bedrängnis kommen, haben ihre Gewänder gewaschen und im Blut des Lammes weiß gemacht.“ Wieder so eine Aussage der Bibel, die uns durch ihre scheinbare Widersprüchlichkeit darauf hinweist, dass die Botschaft und der Weg Christi nicht ganz normal, nicht von dieser Welt sind. Die den Glauben an Gott und die Liebe nicht verraten haben, sind Jesus auf seinem blutigen Weg gefolgt und stehen jetzt gereinigt von aller Unvollkommenheit und Halbheit vor ihm. So das Bild der Offenbarung. An ihnen erfüllt sich, was Jesus im Evangelium sagt: “Meine Schafe hören auf meine Stimme. Sie folgen mir und ich gebe ihnen ewiges Leben. Sie werden niemals zugrunde gehen.“

Was heißt das: „Ich gebe ihnen ewiges Leben und sie werden niemals zugrunde gehen.“ Es heißt ganz offensichtlich nicht, dass ihnen in dieser Welt nichts passiert. Er sagt einmal: „Wo ich bin, da soll auch mein Jünger sein.“ Sein Weg zum Ostermorgen führt über das Kreuz. Das Kreuz, das dabei jedem zugemutet wird, wird sehr unterschiedlich sein. Jeder muss nur das tragen, was er tragen kann. Natürlich werden wir nicht selten den Eindruck haben: „Das ist zu viel für mich.“

Dann ist es besonders wichtig, nicht so laut oder so lange zu klagen, dass wir nicht mehr dazu kommen, auf seine Stimme zu hören. Wenn wir dann sagen: „Jetzt gehe ich meine eigenen Wege“, dann sind wir wirklich allein. Jesus sagt: „Meine Schafe hören auf meine Stimme.“ Vielleicht ist es Ihnen schon so vorgekommen, dass sie in den dicksten Schwierigkeiten von Jesu Stimme nichts mehr zu hören glaubten, keine innere Weisung oder Gewissheit mehr. Auch das ist der Weg Jesu: Sein Schrei ‚mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen‘ ist nicht das Letzte. Zu seinem Weg gehört auch das Wort: „Vater, in Deine Hände lege ich meinen Geist.“ In seiner letzten Verlassenheit war noch umfassender, noch tiefgründiger die Erfahrung, dass Gott ihn nicht fallen lässt. „Meine Schafe hören auf meine Stimme“, das heißt, in oder nach unserem Hilfeschrei oder unserem Protest nicht wegzulaufen und die Ohren des Herzens nicht zu verschließen und zu lauschen, ob da nicht doch noch ein Wort der Weisung und des Trostes ist. Jesus versichert uns: „Wer sucht, der findet.“

Wenn wir ehrlich sind, dann neigen wir oft dazu, dem Weg Christi nicht konsequent zu folgen, sobald sich andeutet, dass er uns auf so schwierigen und steilen Wegen führt, dass es gefährlich wird. Wir fragen schnell: „Muss das denn sein; geht es nicht auch ein wenig vernünftiger?“ Und ohne auf eine innere Antwort zu warten, suchen wir nach einem Ausweg, um uns von seiner Herde oder von seiner Mannschaft wegzustehlen. Dann aber wird es uns schwieriger, seine innere Weisung zu hören, seinen Trost zu verspüren. Jesus sagt uns in einer anderen Bildrede aber auch, dass er dem verlorenen Schaf nachgehen wird, selbst wenn es ein sturer Bock ist. Er wird es zurücktragen, wenn es verletzt ist. Aber tragen oder rufen lassen müssen wir uns schon.

Wer schon einmal in einem Team gearbeitet oder in einer Mannschaft Sport getrieben hat, der weiß, dass er als Einzelgänger, auch wenn er gute Fähigkeiten hat, dem Erreichen des gemeinsamen Zieles weniger nützt vielleicht schadet. Nicht nur im Beruf ist mehr und mehr die Teamfähigkeit gefragt, je komplizierter die Welt wird. Das gilt auch für die Kirche. Eine wichtige Botschaft des nachsynodalen Papstbriefes „Die Freude an der Liebe“ ist für mich: Die Kirche und die verschiedenen Kulturen und Situationen sind so vielfältig, dass ihr nicht für jede ethische Frage eine Antwort aus Rom erwarten dürft. Die Gesamtkirche braucht natürlich gemeinsame Grundwerte und Richtlinien. Den konkreten Einzelfall aber müssen jeweils die Betroffenen im Gespräch mit einander entscheiden. Nur wenn jeder macht, was er will, wenn es kein gemeinsames Bemühen mehr gibt, dann fliegt der Laden auseinander. Es gibt immer wieder die Versuchung zu sagen: „Nur die großen Individualisten bringen die Entwicklung voran.“ Mir scheint solches Denken von gestern zu sein und eher dem Ehrgeiz und Herrscherwillen einiger und der Faulheit vieler zu dienen. Wahrer Fortschritt braucht zumindest in unserer heutigen Welt den Teamgeist, vor allem dann, wenn es schwierig wird.

Ich bin davon überzeugt, dass wir als Kirche zumindest in Europa schwierigen aber auch großen Zeiten entgegengehen. Wir werden noch viel mehr zur Minderheitenkirche werden. Viel an Macht und Reichtum wird von uns abfallen und das wird uns nicht leicht fallen. Von einer armen und machtfreien Kirche zu träumen ist das Eine, das Andere ist das tatsächliche Leben in großer Bescheidenheit und Anspruchslosigkeit. Dazu kommt, dass die sich abzeichnende Instabilität in Europa und um Europa herum eventuell große Einschnitte von uns verlangt. Das wird weh tun, aber es kann uns auch zum Wesentlichen befreien. Vertrauen wir dann dem guten Hirten, dass er uns zum wahren Leben führt.

Die Kirche begeht den Gut-Hirten-Sonntag auch als Tag der geistlichen Berufe. Niemand sollte einen solchen Berufs- und Lebensweg wählen, der dabei „etwas werden“ will oder der einen bequemen und sicheren Arbeitsplatz sucht. Wer sich aber gerufen weiß, in den besonderen Dienst des ‚Guten Hirten‘ einzutreten, den erwartet ein reiches Leben. Alle aber, die nicht in einer vielfach korrupten und sinnentleerten Gesellschaft leben wollen, die dort nicht mitspielen wollen, wo eine Minderheit auf Kosten der Mehrheit lebt, die Gottes Gerechtigkeit suchen und an seinem Reich mit bauen wollen, die werden einen guten Hirten finden oder einen tollen Chef, der sie auch auf steilen und dornigen Wegen sicher und gütig leitet.

Zurück zu Predigten