glauben - suchen - entscheiden: wie "ticken" heute die Leute?

Predigt zum 6. Sonntag der Osterzeit 1. Mai 2016 Lesejahr C, Joh 14,23-29

Hermann Kügler SJ,  Hainstr. 12,  04109 Leipzig,  fon: 21 25 704

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Jesus zu lieben, trägt uns das heutige Evangelium auf. Er sei gegenwärtig in seiner Kirche und offenbare sich durch sein Wort, das verkündet, gehört und geglaubt wird, und durch die Liebe, mit der die Glaubenden an seinem Wort festhalten. Aber was heißt das und wie macht man das? Nehmen wir dazu doch einmal nüchtern das Folgende zur Kenntnis:

 

1. An wen glauben die Menschen?Viele, denen am christlichen Bekenntnis gelegen ist, sagen, dass sie an Gott glauben. Sie meinen den Ursprung und Schöpfer aller Dinge, jene Instanz, von der alles Gute und aller Segen kommt, eben jenen, den wir im trinitarischen Bekenntnis "Vater" nennen. Frühere Generationen gebrauchten für jenen Gott gern den Ausdruck "der Herrgott". So reagieren die meisten. Nur wenige sagen, dass sie an Jesus Christus glauben. Viele, die in geistliche Begleitung kommen, merken nach einer gewissen Zeit, dass sie sich bisher kaum Gedanken darüber gemacht haben, was denn der Glaube an Jesus Christus für sie bedeute. Auch gibt es spirituell suchende Menschen, die sich geistlichen Bewegungen und Gebetsweisen anschließen, die in großer Sammlung und im Schweigen vor jenem "Transzendenten" verweilen. Auch in solchen geistlichen Vollzügen kommt das explizite Bekenntnis zum biblischen Christus kaum vor.

 

Insofern ist für viele glaubende Menschen das Wort von der Nachfolge Christi so etwas wie ein Fremdwort. Natürlich wissen sie vieles über Jesus Christus, feiern Weihnachten, Karfreitag und Ostern, kennen einige seiner Lehren, seine Gleichnisse und seine Wunder. Doch spüren sie kaum ein Verlangen, sich von Jesus einladen zu lassen, ihm persönlich zu folgen.

 

Dies ist sehr erstaunlich, weil im Neuen Testament der persönliche Glaube an Jesus Christus und das Hineingenommen-Sein in seinen Tod und seine Auferstehung das Zentralstück der Verkündigung ist. Aber diese Botschaft scheint nur bei wenigen durchzudringen.

 

Was suchen diese Menschen?Sie wollen den Kontakt mit Gott nicht verlieren, wollen sich bei ihm aufgenommen und von ihm gesegnet wissen, zumindest an den entscheidenden Lebenswenden. Gott und auch Jesus sollen ihnen helfen, mit den Schwierigkeiten des Lebens zurecht zu kommen. Ihre Frage lautet: wie komme ich mit dem Leben zurecht? Könnte Gott mir dabei helfen? Die Frage lautet jedoch nicht: Wozu bin ich gerufen? Dieses "mehr" an Gottesbeziehung ist unbekannt. In der Predigt oder in der persönlichen Seelsorge darüber zu sprechen, trifft nicht selten auf taube Ohren.

 

Wie entscheiden diese Menschen?Sie vertrauen ihrer Intuition und ihrem Urteil, in welches manchmal auch Gebote der Heiligen Schrift oder moralische Grundsätze einfließen. Doch eine Frage nach "dem Willen Gottes für mein eigenes Leben" gibt es eigentlich nicht. Christ sein heißt für sie, nach christlichen Grundsätzen und Geboten zu handeln. Jesus Christus ist für sie jener, der uns diese Gebote und Grundsätze am klarsten verkündet hat. Dies aber hat mit der geistlichen Dynamik, sich in eine persönliche Nachfolge Jesu rufen zu lassen, nur recht wenig zu tun.

 

2.Mit diesen drei Überlegungen will ich deutlich machen, dass eine zentrale Botschaft des Glaubens, die uns die Kirche jetzt an den Sonntagen nach Ostern verkündet, für viele Glaubende nur wenig Relevanz zu haben scheint.

 

Noch einmal anders gesagt: das Entscheidende, worum es im christlichen Glauben zutiefst geht, das ist wie der Unterschied zwischen: „ich bin mir über jemanden oder etwas klarer geworden“ – im Gegensatz zu: „ich bin jemandem begegnet und ihm näher gekommen“. Das ist wie der Unterschied zwischen „Wissen“ und „Kennen“, zwischen „Funktion“ und „Begegnung“, - zwischen effektivem und affektivem Erleben und Verhalten, zwischen einer professionellen Beziehung und einer Freundschaft oder Liebesbeziehung. Es macht einen großen Unterschied, ob „Glauben“ für mich im Wesentlichen eine Unterstützungsfunktion ist, um mit dem Leben zurecht zu kommen – oder ob Glauben im wesentlichen Beziehung ist zu Jesus Christus, in dem mir Gott begegnet.

 

Frühere Generationen haben diese affektive Dimension des Glaubens in Bildern und Symbolen auszudrücken und darzustellen versucht, die uns heute fremd sind. Was wir heute davon wahrnehmen, spricht uns so gut wie gar nicht mehr an. Über Heiligenfiguren, die mit himmelwärts gewandtem Blick dem Irdischen enthoben scheinen, machen wir Witze und spöttische Bemerkungen. Sie sind kaum mehr als Zeugen vergangener Zeiten.

 

Die Herz-Jesu-Frömmigkeit vergangener Jahrhunderte wollte etwas einfangen von der Erfahrung: Jesus hat ein Herz für mich; und an ihn kann ich mich immer wenden, egal, was passiert. Aber die Herz-Jesu-Darstellungen des 19. Jh. – Jesus mit dem geöffneten, brennenden Herzen – taugen kaum dazu, um Menschen des 21. Jh. Dazu anzurühren. Sie können gern für sich die Probe aufs Exempel machen und nach der Hl. Messe an der Marienstatue vorbeigehen: spricht die sie an – oder lässt sie Sie gefühlsmäßig kalt?

 

3. Wie finden wir heute dazu hin, Jesus zu lieben, unsere jeweils einmalige und einzigartige Berufung zu erkennen und dann im Alltag aus einer Glaubensoption heraus die richtigen Entscheidungen zu treffen und sie auch umzusetzen? Und dies so, dass es für die heutige Zeit passt? Einfach gesagt: die Kirche war stets der Überzeugung, dass vor allem Gebet und Nächstenliebe dazu helfen.

 

Zu beidem habe ich eine schlechte und eine gute Nachricht für Sie parat. Erst die schlechte. Man muss es machen; von allein passiert nichts. Dann die gute. Es klappt tatsächlich! Vermutlich kennen Sie so genannte gute Vorsätze. Wenn Sie sich „nur“ vornehmen, regelmäßiger zu beten und Ihre Mitmenschen mehr zu lieben, dann wird in beiden Bereichen vermutlich fast nichts geschehen. Man muss schon konkret und regelmäßig üben. Wer aber konkret wird und etwa sagt: ich will ein bisschen freundlicher zu meinem nervigen Kollegen X sein, der wird nach einiger Zeit feststellen, dass sich etwas in der Beziehung verändert. Und wer sich konkret z.B. vornimmt: ich schließe den Tag nicht ab ohne einen betenden Rückblick vor Gott, der wird vermutlich nach einiger Zeit erleben, wie Gebet und Alltag besser zusammen finden.

 

Was für Sie persönlich am besten passt, das kann nur jeder selber herausfinden und ausprobieren. Beides sind Wege, Jesus kennen und lieben zu lernen. Denken Sie an zwei Urgesteine aus der Frühzeit der Kirche. Der Hl. Hieronymus, der die Bibel aus dem Griechischen ins Lateinische übersetzt hat, war der Ansicht: ohne das betrachtende Gebet kann man Christus nicht kennen lernen. Der Hl. Christophorus sagte: Beten könne er nicht – und deshalb verlegte sich auf Werke der Nächstenliebe.

 

Beide fanden ihre Lebensberufung. Und beider Leben wurde fruchtbar für viele Menschen. Probieren Sie aus, ob Sie eher ein Hieronymus-Typ oder ein Christophorus-Typ sind!

 

1. Abschnitt nach einer Anregung von Franz Meures SJ, Mannheim

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