Der Spatz in der Hand ist viel weniger als die Taube auf dem Dach

Christi Himmelfahrt 2016 C Eph. 1. 17-23; Lk. 24.46-53.

Bernd Knüfer SJ, Floßplatz 32, 04107 LEIPZIG; 42 25 007, Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!     www.orientierung-leipzig.de

Wenn Sie heute einen Freifahrtschein in den Himmel bekämen - würden Sie in annehmen oder doch eher sagen: Das hat noch Zeit. Etwas später ist vielleicht auch noch früh genug???
Paulus schreibt einmal: Eigentlich wäre ich lieber bei Gott, aber um euretwillen ist es besser, wenn ich noch auf der Erde lebe.
Wenn bei uns einer lieber stürbe als zu leben, dann ist er entweder krank, enttäuscht und lebensmüde oder er hat das Gefühl, dass er sein Leben gelebt hat und dass es jetzt in guter Weise an sein Ende kommen kann, oder man hält ihn für selbstmordgefährdet und schafft ihn in die geschlossene Psychiatrie.
Wir hängen für gewöhnlich auch als mehr oder weniger gläubige Christen an diesem Leben. Das Leben nach dem Tode ist etwas, was wir uns nicht vorstellen können. Natürlich können wir es uns nicht vorstellen. Unsere gesamte Vorstellungswelt ist raum-zeitlich. Und alles, was wir uns vorstellen können, wie etwa das muslimische Paradies, ist wieder nur eine verlängerte Ausgabe unserer raum-zeitlichen Welt. Es ist begrenzt und wird irgendwann langweilig. Natürlich ist noch keiner zurückgekommen und wenn er käme, könnte er in unserer Sprache nichts vom Himmel erzählen. Auch Nahtoderlebnisse sind noch keine Beweise für das Leben nach dem Tod. Sie sind medizinisch auch ganz gut erklärbar. Und doch zielt unsere Sehnsucht  auf vollkommene Liebe und Erkenntnis, strebt nach inniger Gemeinschaft und völliger Freiheit zugleich und diese Sehnsucht verweist uns auf das, was wir Himmel nennen. Und nun wir müssen uns fragen, ob wir uns als Fehlkonstruktion verstehen wollen, deren tiefstes Bedürfnis ins Unsinnige verweist oder ob wir der Verheißung Christi glauben, dass unsere Sehnsucht bei ihm und durch ihn in Erfüllung gehen kann.
Der Buddhismus geht davon ausgeht, dass das ganze Leben sei Leid, Krankheit und Tod. Nur das Erlöschen allen Begehrens könne uns daraus befreien. Vielen ist das eine zu düstere Weltsicht. Aber manche Aussprüche des Buddha können auch vermuten lassen, mit dem Nirwana sei unendlicher Frieden gemeint. Auch die Bibel lehrt uns: Alles Leben ist von Endlichkeit und Vergänglichkeit gezeichnet. Auch damit wollen wir uns nicht abfinden. Wir wollen vielfach das volle Glück jetzt hier auf Erden und viele tun alles, dies zu erreichen. Die einen schaffen es von vorne herein nie, die anderen scheinen es einigermaßen zu erreichen. Ihr Leben scheint ein strahlender Erfolg zu sein….und dann endet es doch. Nichts Irdisches bleibt. Das wollen wir nicht, daran reiben wir uns und das macht das Leid erst richtig unerträglich.


Der Weg Jesu ist davon nicht weit entfernt. Der Messias geht - wie es im heutigen Evangelium wieder zu hören war - erst durch  das Leid hindurch zur Auferstehung und wir sollen ihm nachfolgen, indem jeder sein Kreuz geduldig trägt, denn er ist der Menschensohn, das Modell für uns Menschen.
Wir können unsere Endlichkeit und das Leid auch annehmen und lernen, es in Liebe zu gestalten und, soweit wir es nicht ändern können, zu tragen. So finden wir das Heil, die Heilung, die alle Menschen finden sollen. Nicht indem wir dagegen protestieren oder es verdrängen, nicht indem wir um die endlichen Güter miteinander kämpfen, überwinden wir Endlichkeit und Leid, sondern indem wir tun, was möglich ist, und tragen, was getragen werden muss, und teilen, was in aller Begrenztheit für alle da ist. So begrenzen wir das Leid. So wird es erträglich und wir gehen durch unsere Hoffnung nicht unter im Leid.
Die Himmelfahrt Christi weist über das Leid hinaus: Wenn die Hoffnung auf die Vollendung in Gott unser Denken prägt, wenn sich unser Horizont auf das Leben jenseits des Todes hin weitet, dann entsteht nicht notwendigerweise Weltflucht, sondern Gelassenheit und die Fähigkeit, das Leben zu meistern.
Natürlich kann man durch Jenseitsvertröstung wie mit einer Droge aus der rauen Wirklichkeit entfliehen. Wenn wir aber wirklich auf die Fülle des Lebens ausgerichtet sind, dann werden wir das Leben auch jetzt schon ernst nehmen, denn das Leben ist unteilbar. Gott ist unteilbar und er ist das Leben, die Fülle des Lebens, und alles endliche Leben kommt letztlich von ihm. Der Himmel wird nur unser sein, wenn wir das Leben hier schon achten und ehren.
Wenn wir dabei nicht alles schon auf Erden erreichen müssen, dann werden wir mit uns und den anderen entkrampfter umgehen. Wenn wir dem Wort der Schrift glauben, dass denen, die Gott lieben, alles zum Besten gereicht, dann werden wir auch in schweren und dunklen Zeiten zuversichtlich sein und das Leid wird leichter. Wenn sich unser Denken und Sehnen über den Tod hinaus erstreckt, dann werden wir mehr auf das achten, was mit dem Tod nicht vergehen muss, auf die Welt der Liebe und der Wahrheit, der Echtheit und der Beziehung. Wir werden nicht mehr gefangen sein von dem, was vergeht, von Macht und Besitz, von Genuss und Ansehen, von dem, was man festhalten muss und worum wir uns streiten. Dann werden wir frei sein und handlungsfähig. Auch wenn es nur schrittweise geschieht: Die Werte, aus denen wir leben, werden uns glücklich machen und stark. Sie werden uns ganz als Menschen leben lassen, Gott ähnlich.
Viele sagen: Der Spatz in der Hand ist mehr als die Taube auf dem Dach. Ich meine: Der Spatz wird uns entkommen oder sterben. Die Taube, als Symbol des Geistes gesehen, ist zwar weit über uns, aber zugleich in uns, und unverlierbar, wenn wir ihn nicht vertreiben.
Vor seinem Abschied hat uns Jesus nochmals den Geist  verheißen. Er bezeugt - wenn wir auf ihn hören - unserem Herzen, dass unsere Vollendung in Gott, dass das unbegrenzte Leben kein leerer Traum ist, dass unser Hoffen kein leerer Traum ist. Geben wir diese erlösende Botschaft an alle Menschen weiter! Im gemeinsamen Suchen und im Teilen dieser Weisheit werden wir das Leben finden, das nicht vergeht.

Zurück zu Predigten