„Der Eifer für dein Haus verzehrt mich.“

Predigt zur Kirchweihe Propstei Leipzig 2016; 1 Petr. 2.4-9; Joh. 2.13-22

Bernd Knüfer sj, Floßplatz 32, 04107 LEIPZIG, 0341 42 25 007,                                                    Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein! www.orientierung-leipzig.de

Was hat sich die Kirche wohl gedacht, als sie dieses Evangelium für den Kirchweihtag ausgewählt hat?
Zunächst scheint es klar zu sein: „Macht das Haus meines Vaters nicht zu einer Markthalle.“ Der äußere Tempelbezirk war in der Tat im Lauf der Jahre mehr zu einer Markthalle als zu einem Raum der Sammlung vor dem inneren Bereich des Tempels geworden. Es wurden die Tiere gehandelt, die für die Opfer im Tempel nötig waren und das Geld für Tempelsteuer und dergleichen gewechselt. In der Parallelstelle bei Matthäus heißt es noch klarer: „Mein Haus soll ein Haus des Gebetes sein, ihr aber habt eine Räuberhöhle daraus gemacht.“
Geht das uns was an?  Die Würstchenverkäufer zum Kirchweihfest und der Verkauf von fair gehandelten Waren sind wohl auch nicht gemeint. Da wird nicht eigentlich verdient. Und der Kommerz mit Devotionalien und Andenken vor und in Wallfahrtskirchen, der einem bei dieser Schriftstelle gerne einfällt, ist vielleicht ärgerlich und auch ein wenig reformbedürftig, aber das Entscheidende ist das wohl auch nicht.
Ich glaube, wir müssen die Tempelreinigung durch Jesus als Bild sehen, das uns alle etwas angeht: Zwei Punkte, die sicher nicht erschöpfend sind, will ich herausheben:
Papst Franziskus sagt immer wieder – beim Besuch der päpstlichen Diplomatenschule wie bei Kardinalserhebungen: Wer in der Kirche Karriere machen will, ist dort fehl am Platz. Hier werden verschiedene Dienste an der kirchlichen Gemeinschaft vergeben; hier steigt man nicht auf, sondern hier bekommt man Arbeit für die Gemeinschaft. Das gilt nicht nur für Rom und den Klerus, für das bischöfliche Ordinariat und die Pfarrämter, sondern auch für all die kleinen Machtkämpfe und Rangeleien in der Kirche, sei es unter Haupt- oder Ehrenamtlichen. Überall soll da gelten: “Wer unter euch der Erste sein will, der sei der Diener aller.“ Ich glaube, wir alle müssen immer wieder neu lernen, dass in der Kirche kein Platz ist für Herrschaftsansprüche und Untertanengeist. Davon muss sie immer wieder gereinigt werden.
– Mit dem zweiten Aspekt  komme ich auch zu unserer Kirche hier. -  Die Kirchen wurden im Lauf der Zeit immer voller, voll von aller möglichen Ausstattung und tatsächlicher oder vermeintlicher Kunst. Vieles von diesen Ausstattungs- und Andachtsgegenständen ist den einen ans Herz gewachsen, Bilder, bestimmte Statuen usw., während andere die gleichen Dinge mit Widerwillen betrachten; sie erscheinen ihnen manchmal geradezu als Verhöhnung des Heiligen. So traten im Lauf der Kirchengeschichte auch immer wieder Bilderstürmer auf, die mit dem vermeintlichen Kitsch auch wirkliche Kunstwerke vernichteten. Natürlich hatten die Bilderstürmer wie ihre Gegner ein berechtigtes Anliegen.
Die einen stützen sich auf das Bilderverbot im Alten Testament und warnen nicht nur vor Götzenbildern und magischen Praktiken, sondern weisen auch darauf hin, dass kein Bild dem unfassbaren Gott nahe kommen kann. Bilder tragen auch die Gefahr in sich, dass wir vergessen wie hoch Gott über alle Menschliche Vorstellungskraft erhaben ist.
Die anderen erinnern daran, dass die Kirche des Neuen Testamentes teils vorsichtig, teils sehr großzügig die bildliche Darstellung alles Heiligen geduldet und gefördert hat. Sie hat sich dabei darauf berufen, dass uns in Christus Gott in unserem Fleisch, in unserer irdischen Konkretheit begegnet ist. Paulus bringt es auf den Punkt, wenn er sagt: Christus ist das Bild des unsichtbaren Gottes. Das ist schon Paradox: Das BILD des UNSICHTBAREN. Machen Sie einmal ein Foto von etwas Unsichtbarem. Aber genau in dieser Spannung stehen wir, wenn wir von Gott sprechen. Wenn uns Gott in der historischen Konkretheit Christi begegnet ist, ja wenn er uns in Folge dessen in jedem Mitmenschen begegnet, dann darf der Heilige auch in Bildern dargestellt werden, wenn wir nur nicht vergessen, dass er immer jede Darstellung und jede Vorstellung unendlich übersteigt. Unser Denken und Vorstellen kann ihn nie erfassen.  Die Bilderstürmer wollen, wie wohl auch das Judentum und der Islam, diese Wahrheit nicht untergehen lassen. Die Verteidiger der Bilder erinnern immer wieder daran, dass der Gott Jesu Christi in der Geschichte und in unserem Leben konkret werden muss. Beide Anliegen ringen in der Geschichte miteinander und es ist gut, wenn sie einander ergänzen und nicht verketzern.
Nun zu unserer Kirche: Ich finde es spannend, wenn ich höre, dass Nichtchristen diese Kirche hier in ihrer Kahlheit und Leere eher gut finden, während gläubigen Christen eher etwas abgeht. Nichtchristen haben oft gerade mit der katholischen Buntheit und Konkretheit ihre Schwierigkeiten. Katholiken sprechen für die Nichtchristen und auch für manchen zweifelnden Christen zu sorglos über Gott, so als würden sie ihn kennen wie den Herrn Nachbarn. Es wird ihnen nicht spürbar, dass auch wir wissen, dass alles unser Denken und Reden von Gott IHN nicht fassen kann. Fast möchte ich sagen, wir lassen für sie zu wenig Ehrfurcht vor dem Unfassbaren erkennen. Auch deshalb vielleicht finden sie diese Kirche gut, z.B. auch dieses Kreuz ohne die Gestalt Christi, das keinen Zweifel daran aufkommen lässt, dass es auf etwas, oder besser, auf einen verweist, den wir nicht fassen können. Damit sage ich noch nichts für oder gegen die Ornamentik, die die liturgischen Gegenstände und Orte verbindet. Ich möchte nur versuchen einen Zugang dazu anzubieten, dass die Leere und Kahlheit dieser Kirche – eine Eigenschaft, die sie mit nicht wenigen in letzter Zeit erbauten oder renovierten Kirchen verbindet – dass diese Leere uns an die Unfassbarkeit Gottes erinnern kann Und sie kann uns mit Juden, Muslimen und konfessionslosen Zeitgenossen ins Gespräch bringen.
Ich meine, dass beide Aspekte der Tempelreinigung, der Verzicht auf Macht und persönlichen Vorteil und die Erinnerung an Gottes Unfassbarkeit, dass diese beiden Aspekte für das Kirche-Sein in einer überwiegend religionslosen Stadt von großer Bedeutung sind. Und sie können uns auch persönlich bereichern. In diesem Sinn wollen wir dankbar den ersten Jahrestag der Weihe unserer Kirche feiern.

Zurück zu Predigten