Geburtstag der Kirche

Predigt zum Pfingstsonntag 15. Mai 2016 Gal 5,15-25

Hermann Kügler SJ,  Hainstr. 12,  04109 Leipzig,  fon: 21 25 704

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Heute ist der 50. Tag nach dem Ostermorgen. Mit ihm vollenden wir das Osterfest. So wie die Zeitgenossen Jesu 50 Tage nach Pessach ein Erntefest feierten, so feiern wir Christen 50 Tage nach Tod und Auferstehung sozusagen, was uns Ostern an Früchten einbringt: Eine neue Welt und ein neues Leben, beseelt und durchwirkt von Gottes Geist: eine Welt und ein Leben also, die nicht mehr gegen Gott stehen, sondern in denen Gott selber gegenwärtig wird.

 

1. Dieses Neue ist nicht bloß etwas Innerliches. Es hat eine Außenseite. Und die heißt Kirche. Pfingsten – so kann man sagen - ist der Geburtstag der Kirche. Kirche entsteht dadurch, dass Menschen die Einladung Gottes zu einem neuen Leben annehmen. Darum ist Kirche etwas Besonderes: Sie ist von Gott geschenkt und zugleich von Menschen verwirklicht. Kirche ist etwas Einmaliges. Und wir sind dabei.

 

Und doch ist es mit der Kirche oft ein Kreuz. Eigentlich muss man präziser sagen: Mit den Kirchen ist es ein Kreuz, aber das ist ja schon das Erste und Schlimmste an diesem Kreuz, dass es mehrere Kirchen gibt, die sich voneinander abgespalten haben. Ein Kreuz mit der Kirche entsteht immer dann, wenn sich jene menschliche Seite an ihr irgendwie selbstständig macht, wenn also Ursprung, Sinn und Ziel verdunkelt werden oder verloren gehen. Ist das passiert, tut Besinnung not, so wie wenn man in einen Spiegel schaut und sich kritisch prüft.

 

2. Solche Spiegel haben wir Christen und Christinnen eine ganze Reihe, dutzende vonseiten des Neuen, etliche auch des Alten Testaments sind nichts anderes: Spiegel, die sichtbar machen, wie Gott die Kirche gemeint hat - und wie sie ist. Auf besondere Weise gilt das von dem Abschnitt aus dem Galater-Brief, den wir eben gehört haben. Auf besondere Weise deshalb, weil Paulus in diesen Zeilen zwar vom Tun und Lassen des einzelnen Christen spricht, aber das so tut, dass daraus für die Kirchen ein Spiegel, ein kritischer Spiegel wird.

 

Die ganze Kritik des Apostels steckt dabei im ersten Wort, das er über den Geist sagt: Die Frucht des Geistes ... „Frucht des Geistes“ sagt er in der Einzahl. Unmittelbar davor hatte er den Galatern die Werke des Fleisches, des gottfremden, darum in ein Vielerlei zersplitterten und Menschen untereinander in die Zersplitterung treibenden Daseins fast um die Ohren gehauen: Feindschaft, Streit, Eifersucht, Eigennutz, Spaltungen, Parteiungen, um nur ein paar der paulinischen Beispiele zu nennen.

 

Diese Vielzahl, deren jede aus sich nichts anderes vermag, als Trennung, Chaos, Durcheinander zu erzeugen – „Durcheinanderwerfer“ heißt auf griechisch "diabolos", Teufel -, diesem Vielerlei stellt Paulus die Frucht des Geistes entgegen. Nur eine gibt es. Gewiss beschreibt sie der Apostel als in sich mehrfaltig. Aber - spiegelverkehrt zu den Werken des Fleisches sozusagen - jede ihrer Faltungen, ihrer Weisen wirkt auf Einheit hin.

 

Am meisten tut das, was Paulus an erster Stelle "Frucht des Geistes" nennt: die Liebe. "Ich will, dass Du bist", bedeute die Liebe, sagte Augustinus einmal. Wenn "ich" will, dass "Du" bist, stehen das "ich" und das "Du" nebeneinander, aber einander zugewandt. Das ist eine Weise, eins zu sein.

 

Nach der Liebe nennt der Apostel die Freude. Wenn der Geist Menschen erfüllt, können sie nicht anders, als sich zu freuen. Wer sich freut, mag anderen Anteil geben an seiner Freude. Fehlt die Freude, schaut jeder nur noch auf das Seine. Immer so fängt Spaltung an. Etwas vereinfacht, aber nicht verkürzt kann man sagen: alle Kirchenspaltungen der Geschichte haben mit freudloser Verbiesterung angefangen. Und genauso ist es unter Partnern, Kolleginnen oder Freunden.

 

Statt Freude herrscht dann Fanatismus. An Friede ist dann nicht mehr zu denken. Das ist des Apostels dritter Name für die Frucht des Geistes. In Verlängerung des alttestamentlichen Inbegriffs dafür, dass alles recht ist zwischen Gott und Welt und mit dem Leben - "schalom" -, nennt Paulus den Frieden in seinem Tugendkatalog, weil Gemeinde als Gemeinde Christi nichts anderes sein kann als Quelle und Stätte von Frieden. Oder sie wäre nicht Gemeinde Christi, wenn er doch in Person der Friede ist. Wo der Geist sie bestimmt, wird Gemeinde, wird Kirche sein, was sie sein kann.

 

3. Bei aller Innerlichkeit vergaß Paulus aber die praktische Seite des gemeindlichen Miteinanders nicht: Wenn wir aus dem Geist leben, dann wollen wir dem Geist auch folgen, sagt er, und begründet so, was Christinnen und Christen zu sein hätten aus dem, was sie durch den Geist schon sind. All die Tugenden, die der Apostel den Gemeinden in Galatien nach der dreifach-einen Beschreibung der Frucht des Geistes als Liebe-Friede-Freude noch ans Herz legt, die sind dieser praktischen Seite gewidmet. Sie sagen, wie die Liebe, wie der Friede, wie die Freude, die uns kraft unserer Taufe schon bestimmen, - wie die werden, was sie sind:

 

Die Langmut braucht es dafür. In ihr sucht Gottes Geduld mit uns Sündern ihr Echo. Wir dürfen miteinander geduldig sein, wie er es mit uns ist. Die Freundlichkeit und die Güte: das ist „Einander-gut-Sein“. Ohne dies schenken wir einander keine Geduld. Treue gehört dazu, diese Verlässlichkeit, die zum innersten Geheimnis unseres Gottes gehört. Ohne sie stünde jedes der großen Worte des Glaubens - auch das von der Frucht des Geistes - in Gefahr, zur Illusion zu verkommen. Und auch die Sanftmut und die Selbstbeherrschung fügt der Apostel hinzu: Sie sind das Gegenteil von Überheblichkeit, von Ungestüm und Zorn. Sie alle zusammen helfen uns, dem Geist auch zu folgen, aus dem wir schon leben.

 

Den praktischen Anfang zu solchem Leben im Geist macht, wer beherzigt, womit Paulus seine Predigt über die Tugenden beschließt: Wir wollen nicht prahlen, nicht miteinander streiten und einander nichts nachtragen. So tragen wir dazu bei, dass Pfingsten wahr bleibt und wahr wird. Und dann sind wir, egal wo wir sind, Gottes Kirche.

 

Nach einer Anregung von Klaus Müller, Münster

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