Demut, die öffnet

C 09 16 1Kön.8, 41-43; Lk. 7.1-10.

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Demut, die öffnet.
Die Geschichte vom Hauptmann von Kafarnaum kennen Sie wahrscheinlich alle. Das „Herr ich bin nicht würdig“ beten wir in jeder Messe. In einem Workshop dieses Katholikentages habe ich einmal wieder gehört, dass viele Katholiken dieses Gebet nicht mögen. Es ist für sie ein Ausdruck dafür, dass man in der Kirche immer klein gemacht würde: Immer wieder würde gesagt, wir seien Sünder und wir sollten demütig sein und nicht aufmucken. Und Stolz sei eine ganz große Sünde. Zu selten werde uns Mut gemacht: „Du bist ein Kind Gottes und musst nicht immer mit hängendem Kopf herumlaufen.“ Mir scheint, dass diese Klage – so oft, wie ich sie höre – nicht immer unberechtigt ist. Wenn die Leute das so erleben, wird schon etwas dran sein. Jesus ist da anders: Er ruft in seiner Verkündigung den Menschen zunächst einmal zu: Selig seid ihr, Gott liebt euch und wenn ihr schuldig geworden oder verirrt seid, dann nimmt er euch gerne wieder auf, wenn ihr umkehrt. Später im Evangelium kommen auch die Mahnreden. Auch sie können angemessen sein.  
Immer wieder berichtet die Heilige Schrift von Menschen, die Gottes Größe in unterschiedlicher Weise erfahren, in Naturereignissen, in Visionen und Gebetserfahrungen oder in Heilungen. Zugleich werden ihnen ihre Endlichkeit und auch ihre Fehlerhaftigkeit bewusst. Und sie sagen wie Petrus nach dem reichen Fischfang: „Herr geh weg von mir, ich bin ein sündiger Mensch.“ Das ist der Ausdruck einer unmittelbaren Betroffenheit und da geht es nicht darum, dass Petrus oder der Hauptmann von Kafarnaum klein gemacht werden sollen. Sie drücken aus, was sie erfahren, und indem sie das ausdrücken, können sie auch erkennen, wie sie unabhängig von ihrer Leistung oder Vollkommenheit geschätzt und geliebt werden. Wenn aber die Erinnerung an die Demütigungen in der Kirche bei Ihnen so tief sitzen, dass sie mit dem „Herr ich bin nicht würdig“ nicht zu Recht kommen, dann können sie ja auch für sich beten: „Herr du machst mich würdig, dass du eingehst unter mein Dach. Sprich nur ein Wort und ich werde gesund.“ Solches Gebet ist nicht weniger wahr.
Solches Gebet kann auch den Blick dafür öffnen, dass wir Menschen alle von Gott beschenkt sind und dass es lächerlich ist, wenn einer auf die andere herabschaut und meint etwas Besseres zu sein. Genauso unpassend ist es, wenn wir, die wir vor Gott alle von gleicher Würde sind, uns gegeneinander abgrenzen und einander ausschließen.
In Lesung und Evangelium sehen wir, wie die Grenze zwischen dem Volk Israel und den heidnischen Nachbarn überschritten wird. Die anderen, das sind die, die an selbstgeschnitzte Götter glauben und meistens auch die Feinde, im Fall der Römer die Besatzungsmacht. Denen gegenüber behauptete sich das Volk Israel nach Möglichkeit als das von Gott erwählte kleine Volk, das viel Abgrenzung braucht, um seine Identität nicht zu verlieren.
Jetzt ist Gott plötzlich für alle da. Für die Israeliten, die Auserwählten, war es ein fremder Gedanke, die anderen an der Erwählung und dem Schutz Gottes teilhaben zu lassen. Ja, sie sollten sich für die öffnen, vor denen sie eigentlich Angst hatten, Angst die für gewöhnlich verschließt.      
Leipziger haben eigentlich als Messestädter die Erfahrung, dass sie mit Fremden ganz gut umgehen können, seien es Gothiks, Messebesucher oder Katholiken. Auch beim Katholikentag war es ein munteres Miteinander von sehr unterschiedlichen Ausprägungen des Katholischen von „Homosexuellen und Kirche“ bis zu Radio Horeb. Nun, die sind alle wieder abgereist und für kurze Zeit kann man ja tolerant und freundlich sein. Aber auch in Leipzig kennen wir in der eigenen Kirche und zwischen Katholiken und anderen Christen oder gar Religionslosen bisweilen erhebliche Unterschiede und vielleicht kann uns der Katholikentag ermutigen, auch auf längere Frist noch mehr als bisher freundlich und konstruktiv – nicht nur durch Vermeidung – mit den Anderen zusammenzuleben.
Wie kann solche Öffnung immer wieder möglich werden? Wie kommt es, dass Salomon beim Tempelweihfest betet, die fremden Völker mögen hier Heil und Erhörung finden? Wie kommt es, dass der römische Hauptmann Jesus vertraut, an ihn glaubt?  Da vertraut ein Mensch einem inneren Impuls, der ihn in einer besonderen Situation trifft. Da ist der erhebende Augenblick der Weihe des Jerusalemer Tempels. Da lässt sich Salomon dazu hinreißen, im Weihegebet für den Tempel die Grenzen Israels zu überspringen und um das Heil der fremden, teils feindlichen Völker zu bitten. Vielleicht hat er sich später darüber gewundert.
Der Hauptmann war offensichtlich ein religiös suchender und humanistisch eingestellter Mensch. Er hat dem unterworfenen Volk ein Bethaus gebaut. Ohne Jesus zu sehen und getrieben von seiner Notlage vertraut er Jesus, von dem er gehört hat, und er bittet um Hilfe. Da ist selbst Jesus erstaunt.                                 
Würden Sie sich freuen, würden Sie dem Impuls nachgeben, der Sie dazu verführt, so über Ihren Schatten zu springen,   
 + dass Sie z.B. Ihrem schlimmsten Feind verzeihen, nur weil er Entgegenkommen andeutet?           
 +  oder dass Sie nicht in den Urlaub fahren, sondern zu einem medizinischen oder sozialen Dienst in ein  Flüchtlingslager oder ein Katastrophengebiet aufbrechen         
+    oder Sie entschließen sich, sich eines traumatisierten, echt schwierigen Flüchtlings oder eines austherapierten psychisch Kranken anzunehmen, weil nicht er sich selbst, sondern andere ihn kaputt gespielt haben und er einen neuen Zugang zum Leben sucht?  
+    oder näherliegend: Sie halten es plötzlich für möglich, sich an der Arbeit, Flüchtlinge ins Café Dreiklang einzuladen, oder an der ökumenischen Flüchtlingsinitiative zu beteiligen.
Ja, würden Sie sich freuen, wenn Ihnen so ein Sprung über den Zaun Ihres geordneten Lebens passierte?  Oder sagen Sie sich: Nur so etwas nicht! Oder würden sie eine Freundin unterstützen, die etwas dergleichen machte.   
Gibt es bei uns eine Atmosphäre, in der begnadete Aufbrüche und Öffnungen passieren können und begrüßt werden?  Oder sagen wir eher: Stört unser mühsam ausbalanciertes Gleichgewicht nicht?                            
Wir stehen immer wieder vor der Frage, ob Gottes Leben bei uns ankommen kann. Oder haben wir uns dazu verurteilt, im Unveränderlichen zu erstarren? Der Herr helfe uns, seine Jünger zu werden. Er tut es gerne, wenn wir wollen.                    

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