Ich weiß nicht, ob Sie auch manchmal Straßenzeitungen lesen

Predigt zu Lukas 7,11-17, am 5.6.2016

Ich weiß nicht, ob Sie auch manchmal Straßenzeitungen lesen, z.B. hier die Leipziger Straßenzeitung KIPPE. Ich kaufe sie immer mal wieder, um der Realität von gesellschaftlichen Außenseitern und so genannten „Verlierern“ ein wenig näher zu kommen. Und mitunter mache ich da ganz wundersame Entdeckungen, z.B. in der Mai-Nummer der KIPPE (S. 8). Aus Anlass des Katholikentags wird da ein engagierter Christ gefragt, ob er denn Werbung mache, um neue Mitglieder für seine Kirchengemeinde zu gewinnen. Und die Antwort des gefragten Christen verblüfft:

[Ich zitiere:] Ja, ich, wir machen Werbung wie (…) andere auch. Ich bin überzeugt von dem, was ich mache. Diejenigen, die nicht glauben, verpassen was. Wenn ich ihnen das nicht erklären würde, wäre es für mich unterlassene Hilfeleistung.“ [So weit der Ausspruch des Christen.]

Vow, schlussfolgere ich, das Zurückhalten oder Verstecken meines bzw. unseren christlichen Zeugnisses ist also so etwas wie die unterlassene Hilfeleistung, z.B. eines Arztes, der an einem sterbenskranken Unfallopfer achtlos vorbeigeht, ohne Leben zu retten.

 

Sie erinnern sich noch, wie sich Jesus im heutigen Evangelium verhält? Auch er begegnet auf seiner Lebenswanderung einem tragischen Todesfall: der einzige Sohn einer Witwe – und damit ihre einzige Hoffnung auf Versorgung und Lebenssicherung im Alter – wird zu Grabe getragen. Jesus sieht, wie sich dieser Leichenzug mit der Bahre des Toten und der weinenden Witwe dahinter und der Menge solidarischer Mitbürger   aus der Stadt hinaus zum Friedhof bewegt.

            Wie verhält sie Jesus denn? Er „sieht“ diese vom Tod gezeichnete Szene und – so heißt es dann mit einem für Lukas zentralen Ausdruck ursprünglich - „seine Eingeweide wurden angerührt“. Das heißt: Sein Inneres wurde von Mitleid ergriffen, sein Herz/sein Gemüt wurde von compassion/compasión erschüttert – in heutiges Deutsch übersetzt: Jesus fühlte eine starke Empathie für diese weinende Witwe. Und Jesu Empathie ist kein bloß gefühliges, folgenloses Betroffensein, sondern dieses Erbarmen bringt ihn in Bewegung hin zu den vom Tod betroffenen Menschen: Voller Mitgefühl sagt er der Witwe „Weine nicht!“, kraftvoll befiehlt er dem Toten: „Junger Mann, ich sage dir, steh auf!“

            Wir reißen das oft so auseinander,  so als sei Mitgefühl bloß etwas für Frauen, Kraft/Stärke nur etwas für Männer. Wir hören auch die zeitgenössischen Imperative: „Frauen sollen endlich durchsetzungsfähig werden und die herkömmliche Gefühlsduselei hinter sich lassen, Männer sollen mehr Empathie und Einfühlung zeigen.“ Gewiss, da ist wohl etliches berechtigt an diesen geschlechtsspezifischen Imperativen – mir liegt es jedenfalls fern, sie schlecht zu reden.

            Doch schauen wir auf Jesus: In seiner Person vereinigt er die so genannte weibliche Seite  des Mitfühlens und die so genannte männliche Eigenschaft kraftvoller Stärke. Jesus ist die vollendet integrierte Person, jedoch nicht für sich selbst, sondern für andere – zugunsten der Armen und hoffnungslos Weinenden!

            Jesus geht hin (aggredit – der lateinische Wortstamm für die - gute Seite - der Aggression) zu dem Totgesagten. Er berührt mit seinen Händen das, was Juden üblicherweise „unrein machte“, nämlich den Stoff, der den Toten umhüllt. Jesus macht sich - wie Papst Franziskus nicht müde wird zu betonen - die eigenen Hände schmutzig durch die Berührung dessen, was in der Hitze der orientalischen Sonne buchstäblich zu verwesen beginnt. Jesus weicht dem Tod nicht aus, sondern berührt voller Mut und Mitgefühl das Tote, was nur mit einem äußeren Schleier verhüllt und den Blicken entzogen ist.

  • Jesus Christus, ist der HERR  auch hier und heute, er macht Hoffnung auch für die, welche mundtot gemacht worden sind.
  • Jesus, der Herr, weckt Hoffnung für die, die leblos und starr und ärgerlich unveränderlich zu sein scheinen,
  • Jesus, der Herr, schafft Hoffnung für die, die beziehungstot und isoliert zu sein scheinen, er weckt sie auf zu neuer Lebendigkeit, damit sie initiativ werden, von neuem Beziehungen zu suchen und zu pflegen.

Jesus spricht handelnd kraft des Geistes, der lebendig macht: Er spricht ein Machtwort hin zu dem tot Gemachten:

  • Junger Mensch, dir sage ich, steh auf!
  • Die junge Frau in dir, der junge Mann in dir werde lebendig!

Halten wir Jesus, halten wir Gott, die Anteile in uns und zwischen hin, die abgestorben sind liebevoll zärtlich im Gebet hin: wo etwas in unserem Leben enttäuscht, abgewürgt und zerbrochen worden ist; wo Trauer herrscht über Verlorenes und kaputt Gegangenes –

  • handle es sich um Krankheit oder Beschwernisse des Alters,
  • handle es sich um das Gefühl, allein und isoliert zu sein, die Empfindung von Leere und Verlust.

Halten wir also dem Herrn unsere Verletzungen aufrichtig hin, sprechen wir zu ihm, wie ein Freund mit einem Freund oder eine Freundin darüber spricht! Bitten wir ihn inständig, dass er voller Zärtlichkeit unsere tot machenden Wunden berühre. Keep your wound relational to our Lord!

 

Doch können wir diese unsere Hoffnung, den auferstandenen Herrn in seinem Geist, noch weiter aufspannen? Gilt diese unsere Hoffnung auch für die 25-jährige Chinesin Yangjie Li, die kurz vor Pfingsten in Dessau vergewaltigt und ermordet wurde, deren Gesicht bis zur Unkenntlichkeit zerstört und deren Leiche aus dem Fenster geworfen worden war? Gilt diese unsere Hoffnung auf Mitgefühl und Umkehr auch für die Mörder dieser jungen Frau: einen 20jährigen und seine gleichaltrige Lebensgefährtin?  Bereits im April war ja hier in Leipzig die Portugiesin Maria D. ermordet worden – ihre Leiche fand man zerstückelt im Elsterbecken.  (Quelle: Leipziger Volkszeitung, Nr. 120, 25.5.2016, S. 4).

            Der Leichenzug der Menschheit zieht offensichtlich auch heute ungebremst an uns vorüber: Am vergangenen Freitag waren 117 Leichen an den Strand 160 km westlich der libyschen Hauptstadt Tripolis gespült worden: Leichen von Schwarzafrikanern, die aus ihren zerrütteten Ländern südlich der Sahara voller Hoffnung auf ein sicheres und lebenswertes Lebens aufgebrochen waren und nun beim dem Kentern ihrer Flüchtlingsboote ertranken.

           Im Glauben an den Auferstandenen, der Herr ist und in seinem Geist lebendig macht, brauchen wir der der Brutalität, ja mitunter Bestialität der Leichenzüge von heute nicht auszuweichen. Wir können uns ihnen aufrichtig und, wie das Evangelium sagt, wach wahrnehmend stellen – ganz egal ob diese Todeszüge Teile von selbst oder andere Menschen in Nah und Fern betreffen. Seien wir ihnen gegenüber wach und schauen wir hin, ohne Angst zu haben: wie Jesus, voller Mitgefühl und tätigem Erbarmen, voller Hoffnung kraft des Geistes, den der Auferstandene uns vom Vater sendet, heute und morgen und in alle Ewigkeit – zum Trost für uns und diese Welt. Amen.

Dr. Michael Hainz SJ

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