Alles nichts als heiliger Schein?

Predigt zum 11. Sonntag im Jahreskreis 12.6.2016, Lesejahr C, Lk 7,36-50

Hermann Kügler SJ,  Hainstr. 12,  04109 Leipzig,  fon: 21 25 704

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Wir Menschen haben Vorstellungen über uns und die Welt und die Gesellschaft und was wie zu sein hat, die prägen unser Erleben und Verhalten noch weit vor jeder bewussten Reflexion. Ich nennen Ihnen ein paar Beispiele aus Geschichte und Gegenwart:

 

- In der griechischen Antike war es für den Philosophen Aristoteles völlig selbstverständlich, dass es Sklaven geben müsse. Die Begründung lautete: wer solle denn sonst die Arbeiten machen, damit die freien Männer Zeit haben, um demokratische Beschlüsse zu fassen?

- Bis ins 20. Jahrhunderts hatten Frauen bei uns kein Wahlrecht, in der Schweiz galt das in einigen Kantonen bis in die 70er-Jahre hinein. Es war völlig selbstverständlich, dass die Gestaltung der Öffentlichkeit Männersache sei.

- In vielen Teilen der Gesellschaft und auch bisweilen in der Kirche scheint es völlig selbstverständlich zu sein, dass die homosexuelle Orientierung eines Menschen widernatürlich und sündhaft sei; und in sieben Ländern gilt bis heute dafür die Todesstrafe.

 

Wenn Sie das letzte Beispiel emotional provoziert, dann ist das von mir kalkuliert. Denn ich will damit noch einmal verdeutlichen, was ich am Anfang gesagt habe: manche Auffassungen über „Gott und die Welt“ prägen und bestimmen uns noch weit vor unserer rationalen Zustimmung. Wenn wir damit aufwachsen, atmen wir sie ein wie die Bazillen in der Luft. Und oft dauert es eine ganze Weile, bevor wir uns von dieser Infektion erholen.

 

1.Ich erzähle Ihnen diese Beispiele, weil sie uns direkt hineinführen in die Problematik und in die Botschaft des heutigen Sonntagsevangeliums. Im Pharisäer Simon begegnet uns ein Mensch, der genaue Vorstellungen hat, wie unser Verhältnis zu Gott auszusehen habe und in Konsequenz davon, wie unser Verhältnis zu unseren Mitmenschen beschaffen sein müsse.

 

Gott hat uns geschaffen und in sein auserwähltes Volk berufen – so würde Simon sagen. Wir antworten ihm darauf, indem wir seine Gebote halten. Und die regeln ziemlich genau, was zu tun und zu lassen ist. 248 Gebote gibt es und 365 Verbote, so viele, wie das Jahr Tage hat. Wenn wir uns möglichst genau daran halten, dann führen wir ein Leben, das Gott gefällt.

 

Sehr wichtig – so würde Simon weiter sagen – ist unser Verhalten zu den Mitmenschen. Mit einer Sünderin, also einer Prostituierten, gibt man sich als frommer Mensch nicht ab. Erst recht gehört es sich nicht für einen Gesetzeslehrer, sich von so jemandem berühren zu lassen!

 

Dieser Auffassung von Religion liegt ein Gottesbild zugrunde, in dem Gott der Herrscher des Himmels und der Erde ist. Er hat Gesetze erlassen zu unserem Wohl. Uns ist es aufgetragen, sie zu halten. Eindrucksvoll zeigt sich das in den Worten des 119. Psalms:

„Herr, weise mir den Weg deiner Gesetze! / Ich will ihn einhalten bis ans Ende.Gib mir Einsicht, damit ich deiner Weisung folge / und mich an sie halte aus ganzem Herzen. Führe mich auf dem Pfad deiner Gebote! / Ich habe an ihm Gefallen. Deinen Vorschriften neige mein Herz zu, / doch nicht der Habgier! Nach deinen Befehlen hab ich Verlangen. / Gib mir neue Kraft durch deine Gerechtigkeit! Ich will deiner Weisung beständig folgen, / auf immer und ewig. Dann schreite ich aus auf freier Bahn; / denn ich frage nach deinen Befehlen. Deine Gebote will ich vor Königen bezeugen / und mich nicht vor ihnen schämen. An deinen Geboten habe ich meine Freude, / ich liebe sie von Herzen. Ich erhebe meine Hände zu deinen Geboten; / nachsinnen will ich über deine Gesetze.“

 

2.Ich will mich überhaupt nicht darüber erheben! Was sich darin zeigt, ist gewiss eine authentische und genuine Form, seinen Glauben zu leben und ein gottgefälliges Leben zu führen. Das Problem ist nur: was passiert mit denen, die die vermeintlichen Gebote Gottes nicht halten können? Also was ist mit denjenigen, die aus Schwachheit oder Dummheit oder Bosheit oder einer Mischung aus all dem oder noch etwas anderem schlicht dazu nicht in der Lage sind?

 

Das Evangelium stellt uns dies im Typ der Sünderin vor. Das Evangelium sagt uns nicht, warum diese Frau zur Prostituierten geworden ist. War es Geldgier oder pure Not, war es Verzweiflung oder Gewalt und keine Aussicht auf eine realistische Alternative, so wie es heute in vielen Teilen der Erde ja auch noch ist?

 

Sie ist eine aus der menschlichen Gesellschaft Ausgestoßene, Gesindel, mit dem sich der brave Bürger nicht abgibt, höchstens dass er im Dunkeln mal ihre Dienste in Anspruch nimmt. Und sicher weiß er ganz genau, dass Gott sie auch verurteilten wird, weil sie sich ja nicht an seine Gebote hält.

 

Wie Jesus zu ihr steht und was er tut, muss ich Ihnen nicht nochmals vortragen. Wir haben es gehört: „Ihr sind ihre vielen Sünden vergeben, weil sie mir so viel Liebe gezeigt hat“ – und: „Dein Glaube hat dir geholfen. geh in Frieden!“ Dahinter steht das Gottesbild eines „mitziehenden“ Gottes, der mit uns geht auf den krummen und geraden Wegen, im Licht und im Dunkel und uns nicht die Beziehung aufkündigt in den Abgründen unseres Lebens.

 

3.Und damit das alles nicht nur eine Geschichte der Historie bleibt, will ich wenigstens ein paar Aktualisierungen versuchen für unsere Kirche und uns als glaubende und suchende Menschen in unserer Zeit, wissend, dass Sie womöglich nicht bei allem emotional mitgehen können. Aber darüber können wir dann ja streiten!

 

- Da kommt jemand aus den Klauen seiner Alkoholabhängigkeit nicht heraus. Einige Versuche, trocken zu werden, hat er bereits unternommen und wird doch immer wieder rückfällig. Alle wissen davon und tuscheln hinter seinem Rücken. Verachten wir ihn im Grunde als willenlosen Schwächling?

 

- Da hat sich jemand mit seinem Ehepartner irgendwie arrangiert. Trennen will oder kann er sich nicht mehr, aus Altersgründen oder aus was für Motiven auch immer. Er lebt halb heimlich, halb offenbart, eine andere Beziehung. Verurteilen wir einen solchen Menschen?

 

- Da ist jemand, der – wie man so sagt – einen „dunklen Fleck“ in seiner Vergangenheit hat. Trefflich kann man sich darüber den Mund zerreißen und mit guten Ratschlägen nicht sparen! Ist er im Grunde längst schon abgeschrieben?

 

Das Evangelium gibt uns keine Patentantworten; und auch Simon ist ja von Jesus nicht abgeschrieben. Aber er bezieht sehr klar Position zwischen bürgerlichem Anstand und dieser „Sünderin“. Wenn Dankbarkeit und Güte nicht demütigt, sondern wachsen lässt, Zärtlichkeit nicht beschmutzt, sondern reinigt, Frömmigkeit nicht mehr verurteilt, sondern einbezieht und leben lässt, sind wir Gott, wie Christus ihn uns zeigte, ganz nahe.

 

Uns allen aber vergebe Gott, was uns trennt von ihm, und mache uns miteinander zu Schwestern und Brüdern!

 

Amen

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