Die Predigt vom 19. Juni

12. Sonntag im Jahreskreis, Lesejahr C: An diesem Tag wurden P. Hermann Kügler und Sr. Susanne Schneider verabschiedet.

12. Sonntag im Jahreskreis, Lesejahr C,

Lesung: Gal 3, 26-29

Evangelium: Lk 9,18-24

Ansprache durch Sr. Susanne Schneider vom 19. Juni 2016 in Leipzig

Heute spreche ich über drei Punkte, nämlich die Würde aller Menschen, die persönliche Berufung jedes Einzelnen und darüber, wie man sein Leben findet.

Im Brief an die Gemeinden in Galatien geht es darum, dass die Christen durch den Glauben Kinder Gottes geworden sind, nicht durch die Einhaltung von Regeln.

Und dann verwendet Paulus das schöne Bild vom Gewand – wir haben durch die Taufe Christus als Gewand angelegt und sind alle Kinder Gottes. Alle: nicht nur diejenigen Schichten und Gruppen, die herrschend sind oder als besser gelten.

Paulus spricht von Juden und Griechen – heute würden wir wohl sagen, dass alle Menschen, egal wie ihre nationale und religiöse Zugehörigkeit aussieht, Kinder Gottes sind. In unserer heutigen Zeit, in der einseitige Nationalismen aller Art ins Kraut schießen und man sich weigert, die Würde mancher Religionen zu achten, ist dieser Gedanke aus dem Christentum so aktuell wie eh und je.

Dann geht es um die sozialen Unterschiede, also Sklaven und Freie. Soziale Unterschiede sind gegen die Menschenwürde. Zunächst war es nicht die Kirche, sondern die Aufklärung, die für die Durchsetzung dieses Gedankens kämpfte. Leider ist in unserer Gesellschaft und in vielen Teilen der Welt auch dieses Ideal noch nicht voll verwirklicht.

Die dritte Differenz,die Paulus anspricht, ist die sexuelle Differenz: egal ob Mann oder Frau, wir alle haben Christus als Gewand angelegt und sind Kinder Gottes. Auch in diesem Bereich gibt es in der Kirche Nachholbedarf: zu lange hat man sich auf ein einseitig verstandenes Naturrecht versteift. Doch es gibt unter Papst Franziskus erste kleine Anzeichen einer neuen Nachdenklichkeit: wenn er mit Ordensfrauen diskutiert, wenn er Maria Magdalena als Apostelin bezeichnet, wenn er öffentlich zur Diskussion über das Diakonat von Frauen aufruft.

Auch hier in Leipzig gibt es in dieser Hinsicht einige kleine wertvolle Pflänzchen, die dringend der Pflege bedürfen. Also – es gibt noch viel zu tun!

Ein weiteres Thema, das die Lesung anspricht, ist das Thema Berufung: Durch unsere Gotteskindschaft verändert sich unsere Persönlichkeit. Wir sind von Gott Gerufene. Dieser Ruf bedeutet für jeden einzelnen Menschen Antwort auf ein persönliches Gerufensein, Zustimmung zu einem persönlichen Willen Gottes, einem Willen, der für jeden von uns anders lautet und der sich auch je nach Umständen verschieden darbietet.

Um seine persönliche Berufung zu erkennen, gibt es zwei Wege: einmal, indem ich meiner Sehnsucht folge und zum zweiten darin, dass ich meiner Natur oder meiner Persönlichkeit folge.

Das Zweite, nämlich seiner Natur und seiner Persönlichkeit zu folgen, ist gar nicht so einfach. In meinen Kursen habe ich in der letzten Zeit ganz oft erlebt, dass Leute damit Probleme hatten. Sie hatten ein Idealbild ihrer selbst hergestellt und waren dauernd damit beschäftigt, an sich selbst zu arbeiten und sich selbst zu optimieren. Dabei waren sie ganz streng und unbarmherzig mit sich selbst.

Auch unsere Gesellschaft betont einseitig die Leistung. Dadurch werden alle jene ausgegrenzt, die aus verschiedensten Gründen bei diesen hohen Anforderungen nicht mitmachen können oder wollen. Soziale Dienste werden nicht entsprechend wertgeschätzt und schlecht bezahlt.

Wenn ich aber von meiner Natur oder meiner Persönlichkeit ausgehen soll, die die Grundlage für meine persönliche Berufung darstellt, ist das erste, dass ich meine Natur akzeptiere. Gott hat mich so geschaffen, wie ich bin. Das kann eine ungeheure Befreiung bedeuten und mir Kraft und Mut und Energie geben. Ich darf als Christ darauf vertrauen, dass Gott zunächst – vor aller Verbesserung – ein großes Ja zu mir sagt. Also annehmen, was ist!

Im Evangelium endet das Gespräch Jesu mit seinen Jüngern im Christusbekenntnis des Petrus. Doch Jesus hat seine Gründe, dass er den Jüngern verbietet, dies weiterzusagen und er spricht von seinem Tod. Man könnte das so interpretieren, dass Jesus jedem Anflug von Triumphalismus und Überheblichkeit eine Absage erteilt.

Der Dialog gipfelt im Aufruf zur Kreuzesnachfolge. Jesus geht seinen Weg nicht so, wie die Jünger und die Menschen es gern hätten, sondern so, wie er seine Berufung versteht. Ein ähnliches Verhalten wünscht er sich von seinen Jüngern, also von uns.

Wenn wir es mit der Nachfolge Jesu ernst nehmen wollen, wenn wir wie Jesus einen Weg der individuellen Berufung gehen wollen, können wir uns nicht damit aufhalten, darüber nachzudenken, was die Leute dazu sagen.

Der letzte Satz Jesu im heutigen Evangelium begleitet P. Hermann Kügler seit vielen Jahren. Er hat ihn im Jahr 1980 in Berlin auf die Ankündigung seiner Priesterweihe und auf sein Primitzbildchen drucken lassen – in einer anderen Übersetzung:

Wer sein Leben zu gewinnen sucht, wird es verlieren, wer es aber um meinetwillen verliert, wird es neu geschenkt bekommen.

Man muss diesen Satz verstehten wie ein Koan – also ein Rätsel, eine Rätselgeschichte im Zen, der vollkommen paradox wirkt, aber bei näherer Betrachtung und bei dauernder Meditation einen tiefen Sinn enthält.

Die Frage, die sich P. Kügler damals gestellt hat, war einfach: Wie findet man das Leben?, wie findet man ein gelingendes Leben? Die Antwort fand er in diesem Satz Jesu: Wer sein Leben um meinetwillen verliert, wird es neu geschenkt bekommen.

Also – man kein sein Leben nicht machen, wie man das Glück nicht machen kann. Sondern christlich folgt man Jesus und man hat dabei den Eindruck sein Leben herzugeben... aber in Wahrheit findet man auf diesem Weg sein Leben.

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