Handeln und Meditieren

Predigt zum 16. Sonntag im Jahreskreis 17.7.2016, Lesejahr C, Lk 10,38-42

Hermann Kügler SJ,  Hainstr. 12,  04109 Leipzig,  fon: 21 25 704

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Dieses Evangelium hat in der Geschichte der Kirche eine große Wirkungsgeschichte entfaltet, speziell in der Geschichte der christlichen Ordensgemeinschaften. Die Unterscheidung zwischen den sog. „kontemplativen“ Orden und den „sozial-caritativen“ Ordensgemeinschaften hat hier ihre biblische Grundlage.

 

Sie wissen sicher: Die kontemplativen Orden widmen sich der Betrachtung, dem Gebet und der Meditation: das füllt in manchen Gemeinschaften den größten Teil des Tages aus. Die sozial-caritativen Orden haben in der Geschichte z.B. Kinderheime und Jugendeinrichtungen geführt, hauswirtschaftliche Schulen betrieben und überhaupt soziale Dienste für die Menschen und die Gesellschaft verrichtet.

 

1.Auf den ersten Blick mag es scheinen, dass zwei christliche Lebensentwürfe im Evangelium gegenüber gestellt werden: die „vita activa“ und die „vita contemplativa“, das tätige Leben und ein Lebenskonzept, das geprägt ist von Gebet und Meditation.

 

In der Geschichte des christlichen Ordenslebens wurden die kontemplativen Gemeinschaften oft „höher“ eingeschätzt als die sozial-cartiativen. Denn Jesus hat ja zu Marta gesagt – wir haben es eben im Evangelium gehört – dass Maria den „besseren Teil“ gewählt hat. Und weiterhin schien dieser Vorzug der Kontemplation vor der Aktion nicht nur für das Ordensleben zu gelten, sondern für das christliche Leben überhaupt.

Sie können sich sicher denken, dass eine solche Bevorzugung durch die Kirche die „aktiven“ Christenmenschen sehr verletzen kann. Ich erinnere mich noch gut daran, dass mir vor ein paar Jahren ein alter Ordensmann, der in seiner Gemeinschaft die Dienste des Krankenpflegers für seine alten und gebrechlichen Mitbrüder übernommen hatte, sagte: „Ja, ja, ich habe in meinem Kloster die Rolle der Marta übernommen – für das, was ich mache, sind sich die feinen Herren zu schade!“

 

Und meinen wir nicht, solche Geschichten kämen nur in den Klöstern vor! Sie können Ihre Erfahrungen mit kirchlichen Seminaren und Bildungsangeboten ja einmal „durchscannen“: begegnen Ihnen da eher Angebote für Gebet und Meditation oder erleben sie eher Angebote, durch die Sie z.B. befähigt werden, sich für Menschen in Not einzusetzen? Und was gilt faktisch als „höherwertiger“?

 

2.Aber sollte Jesus das wirklich gemeint haben: wir sollten uns – bildlich gesprochen – zu seinem Füßen setzen und ihm zuhören, wir sollen beten und meditieren, uns in die Einsamkeit zurückziehen und geistliche Exerzitien machen?

 

Wer machte dann die Arbeit? Auch der Frömmste muss schließlich essen und trinken; und ein Dach über dem Kopf braucht er auch. Und es entspräche so gar nicht der Haltung Jesu, diejenigen geringer zu achten, die sich für ihre Mitmenschen einsetzen und für die anderen die Drecksarbeit machen.

Ich meine, dass die Botschaft des heutigen Evangeliums eine ganz andere ist. Wenn Jesus zu Marta sagt: „Maria hat das Bessere gewählt, das soll ihr nicht genommen werden“, dann dürfen wir das kaum als Aufforderung verstehen, die praktischen Tätigkeiten gering zu schätzen. Teresa von Avila hat das, worum es geht – eben die Einheit von Aktion und Kontemplation - sehr lebensnah auf den Punkt gebracht, wenn sie sagt: „der Heilige Geist ist auch zwischen den Kochtöpfen!“

 

Die Frage ist ja: verfalle ich in Aktionismus und gehe ich in meiner täglichen Arbeit und Sorge auf – oder lebe ich in Verbundenheit mit Gott und richte mein Leben an Jesus Christus aus und übe dann tätige Nächstenliebe!

 

Damit das alles nicht zwar fromm und richtig klingt, aber doch etwas lebensfern und abstrakt bleibt, will ich versuchen, zwei oder drei Konsequenzen dieser beiden Lebenskonzepte für den Alltag zu ziehen:

 

3.Wer voll im Berufsleben steht, womöglich noch in einer Tätigkeit, die mit viel Verantwortung für andere Menschen oder für einen großen Betrieb verbunden ist, erlebt sich oft wie gehetzt und getrieben im Räderwerk des Alltags. Die so genannten Sachzwänge fordern ihren Tribut. Viele Verantwortungsträger hetzen hinter den Entscheidungen hinterher, statt aktive Gestalter der Aufgaben und Ziele zu sein. Die Alternative bestünde darin, dass wir uns hin und wieder fragen, wozu wir das eigentlich machen, was wir tun und was wirklich wichtig ist - dass wir das wichtige vom weniger wichtigen unterscheiden und die Mittel zum Ziel hin anwenden und nicht das Ziel zu den Mitteln. Fragen Sie sich ruhig einmal, wo Sie in Ihrem Berufsleben die Werte des Evangeliums leben und weitergeben!

 

Jetzt in den Sommerferien suchen die meisten Menschen Erholung und Entspannung. Das Verführungspotenzial der Zerstreuungsangebote ist riesig; man muss nur genug Geld haben, dann kann man sich ohne Ende vergnügen. Fast jedem wird etwas geboten. Ich will das weiß Gott nicht verteufeln! Die Alternative bestünde jedoch darin, die Zeit der Ferien zu nutzen, um im Blick auf Jesus Christus und seinen Lebensentwurf neu zu justieren: was ist wirklich wichtig und was nicht.

 

Ein dritter Lebensbereich mag die Ge-staltung von Freundschaften und Beziehungen sein. Im Evangelium fällt ja auf, dass Maria in Kontakt mit dem Herrn ist und Marta offenbar nicht, sondern in der Küche steht und in den Kochtöpfen rührt, aber da eben nicht – um Teresa von Avila noch einmal zu zitieren – mit dem „Heiligen Geist“ in Berührung kommt! Versuchen Sie einmal zu erfassen, ob der Glaube an Gott in Ihren Freundschaften, in Ihrer Ehe, in Ihren Beziehungen eine Rolle spielt – und worin die wohl besteht.

 

Amen

 

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