"Vater Unser ...?"

Predigt zum 17. Sonntag im Jahreskreis 24.7.2016, Lesejahr C, Lk 11,1-13

Hermann Kügler SJ,  Hainstr. 12,  04109 Leipzig,  fon: 21 25 704

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Eines Tages sahen die Jünger Jesus beten. Als er geendet hatte, bittet ihn einer: Herr, lehre uns beten. Jesus folgt dieser Bitte und vertraut den Jüngern fünf Bitten an - fünf Bitten, wie sie unerwarteter nicht sein können, wenn einer gefragt wird, wie denn auf rechte Weise mit Gott zu sprechen sei. Wenn ihr betet, so sprecht:

 

1.„Vater, Dein Name werde geheiligt“ - ohne Einleitung, ohne Schnörkel unterwürfiger Annäherung, ohne vorherige Entschuldigung dürfen die Christinnen und Christen Gott als ihren "Vater" anreden. Das aber heißt: Mit dem ersten Wort, mit dem Jesus die Seinen beten lehrt, nimmt er sie hinein in sein eigenes Verhältnis zu Gott - hinein in eine Vertrauensgemeinschaft, die durch nichts verstellt ist und die allein schon durch den Herzensfrieden, den sie schenkt, das ganze Glück einer Menschenseele ausmacht: Abba, lieber Vater, der Du mich geschaffen hast und der Du mich jetzt trägst. Und dann die erste Bitte; sie kann nur sprechen, wer mit seinem Beten keinen Zweck, keine Absicht in seinem Interesse verfolgt, sondern beglückt ist, dass Gott ihm Vater sein will:

 

Dein Name werde geheiligt, das meint: Dir, Deinem Namen, also dem Vater-Namen werde die Ehre gegeben. Weil Du so für uns da bist, wie dieser Name besagt, darum sollst Du zu allererst gelobt und soll Dir Dank gesagt sein, dass alle Welt Dich erkenne. Weil Du unser guter Vater bist, darum kann uns Dein Lob wichtiger sein als die drängendsten Anliegen sogar, denn wir sind gewiss, dass unsere Anliegen und unsere Bitten darum, dass es gut ausgehe mit unserem Leben -, dass diese Bitten und ihre Erhörung schon aufgehoben sind in Deinem Vatersein, aufgehoben oft anders als wir uns ausdenken, aber unwiderruflich und unvergessen aufbewahrt in Deiner Sympathie für uns.

 

2. Die zweite Bitte - Dein Reich komme - ist gleichsam nur noch ein selbstverständlicher Nachtrag zur ersten: Sie will, dass sich dieses ungestörte Vertrauensverhältnis zwischen Gott und Jesus und dann durch Jesus zwischen Gott und den Christen und Christinnen, die das Vaterunser beten -, dass das sich überall ausbreite in der Welt; dass jedem Menschen gegeben sei, an dem Glück dieser Geborgenheit teilzuhaben. Wieder also die Absichtslosigkeit, weil keiner etwas für sich allein erfleht, sondern an die anderen denkt, weil er sich selbst schon beschenkt weiß dadurch, dass er zu Gott "Vater" sagen darf.

 

3. Umso überraschender muss uns die dritte Bitte vorkommen, die Jesus uns lehrt: Gib uns täglich das Brot, das wir brauchen. Mitten in den geistlichen Gedanken an Gott und sein Reich ist auf einmal vom Essen die Rede. Und das ist fürwahr kein Zufall, sondern intensives, ja untrügliches Indiz für die Menschlichkeit des Evangeliums. Wir sind eben keine engelsgleichen Geistwesen, die einzig von frommen Gedanken und Halleluja-Singen leben. Wir haben zur Seele auch einen Leib, der sein Recht fordert und mehr braucht als Luft und Liebe sogar: nämlich Brot. Bis in die Höchstform des christlichen Gottesdienstes hinein findet diese Menschlichkeit des Evangeliums ja ihren Widerhall: genau im Punkt der Vollendung des Dankgebets der Eucharistie als dem Ausdruck unserer Hingabe an Gott, da gibt es für den dankenden Menschen zu essen: Brot und Wein, damit er mit allen Sinnen die überschwängliche Fürsorge Gottes erfahre.

 

In der Brotbitte des Vaterunsers vertrauen die Christinnen und Christen also auch die Bedürfnisse ihrer Sinnlichkeit dem himmlischen Vater an: Gib uns täglich das Brot, das wir brauchen. Die Bitte geht wohlgemerkt auf ein Doppeltes: Gib uns das Brot, das wir brauchen - also nicht weniger, aber auch nicht mehr als uns guttut. Der Herr weiß um unsere Angst gezeugte Versuchung, mehr Brot zu brauchen oder einfach zu horten, als wir wirklich brauchen, um zu leben. Und solches geschieht immer dadurch, dass andere weniger haben als sie bräuchten. So lehrt uns Jesu Brotbitte unbeschadet unserer Bedürfnisse wieder jene Absichtslosigkeit, die es braucht, damit wir selber gegeneinander nicht hart und lieblos und ungerecht werden.

 

4. Nach der Brotbitte folgt die Bitte um Vergebung der Sünden. Sie kennen vielleicht jenes bitterböse, gleichwohl unbestreitbare Wort Brechts, dass zuerst das Fressen komme und dann die Moral. Erst der Mensch, der seiner elementaren Überlebenssorge ledig ist, kann ein feines Gespür dafür entwickeln, wo überall er Gott etwas - und meist viel- schuldig bleibt, und darum um Vergebung bitten. Von welch ungeheurem Gewicht ist, was diese Bitte erhofft, kann freilich nur der ermessen, der selbst bereit ist, dem zu vergeben, der an ihm selbst schuldig geworden ist. Es braucht die menschliche Einübung des Verzeihens, damit einer Gott ehrlich um Vergebung bitten kann: Erlass uns unsere Sünden, denn - denn auch wir erlassen jedem, was er uns schuldig ist.

 

5. Und schließlich: Führe uns nicht in Versuchung! Unser Leben ist manchmal so kompliziert, so undurchschaubar; es kommt uns so unbegreiflich hart vor, dass wir sogar unseren Glauben verlieren möchten - und damit den Schatz, zu Gott "Vater" sagen und uns mit Leib und Seele der fürsorglichen Liebe Gottes anvertraut wissen zu dürfen. Davor bewahre uns! Wir müssen keine Hölle fürchten und kein Paradies unter Aufbietung aller Kräfte erkämpfen, solange Du, Gott, lieber Vater, uns Deine Spuren sehen, wenigstens ahnen lässt, in den Windungen der Tage, die Du uns schenkst. Lass uns Deinen Namen Vater so ernst nehmen, dass wir uns an ihn klammern, auch dann noch, wenn wir uns im Treibsand unserer Lebenstage gänzlich verlassen vorkommen. Das erfleht die Bitte, vor Versuchung bewahrt zu bleiben.

 

An all dem merkt man: Gott, der gute Vater, am Anfang wie am Ende. Sein Name ist die Seele des Vaterunsers. Er wird es erhören, weil wer so betet, sich selbst Gott ganz anheim gibt mit Leib und Seele in dem Vertrauen, dass, wer wahrhaft Abba, lieber Vater, heißt, uns niemals Böses will, auch dann nicht, wenn unser Bittgebet unerhört scheint.

 

Jedes Gebet, das sich an das Grundmuster des Vaterunsers hält, wird erhört. Dass das wahr ist, können Sie selbst überprüfen: Vergleichen Sie doch von Zeit zu Zeit das, was Ihnen widerfahren ist, mit dem, worum Sie gebetet haben. Und wenn zwischen beidem ein Unterschied klafft, dann überlegen Sie, wie Sie hätten beten müssen, dass Ihr Gebet zu dem gepasst hätte, was Ihnen geschehen ist. Es wird immer ein Gebet sein nahe am Vaterunser. Darum haben wir es so nötig, das Vaterunser wie hernach jeden Sonntag neu einzuüben und es jeden Tag zu beten.

 

 

nach einer Anregung von Klaus Müller, Münster

 

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