"Haben oder Sein" (Erich Fromm)?

Predigt zum 18. Sonntag im Jahreskreis 31.7.2016, Lesejahr C, Lk 12,13-21

Hermann Kügler SJ,  Hainstr. 12,  04109 Leipzig,  fon: 21 25 704

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Es gibt Menschen, die in ihrem Leben niemals Gelegenheit hatten zu lernen, dass es so etwas wie eigene Rechte gibt und dass es eigene Wünsche geben darf. Für diese sind die Worte im heutigen Evangelium, in denen Jesus vor den Gefahren des Reichtums warnt, nicht bestimmt. Mehr als die Hälfte der Menschheit auf dieser Erde muss in unbeschreiblichem Elend vegetieren; und sie müssten sich regelrecht verhöhnt vorkommen, wenn man sie vor den Gefahren des Reichtums warnen wollte. Aber die Art und Weise wie wir hier in Mitteleuropa leben, scheint wie ein lebendiges Beispiel dafür zu sein, dass Jesu Worte zeitlos gültig sind für jede und jeden einzelnen und genauso für uns alle zusammen.

 

1.Zum Einstieg ins Thema: Vor einer Generation etwa war ein viel gelesenes Buch „Haben oder Sein“ von Erich Fromm. Vielleicht bedurfte es dieses Grenzgängers zwischen Marxismus und Psychoanalyse, um uns hellsichtig und in einer Weise, die unmittelbar nachvollziehbar ist, darauf aufmerksam zu machen: Es gibt diese beiden Grundeinstellungen zu uns selbst, zum Leben und letztlich zur Welt als Ganzer, dass wir uns entweder definieren durch das, was wir haben und besitzen oder durch das, was wir sind.

 

Ich erwähne das, weil heute wie damals wir Menschen oft dazu neigen, uns durch das zu definieren, was wir besitzen und haben. Am Geld lässt sich das gut zeigen: Wir haben uns fast daran gewöhnt, dass man für Geld scheinbar alles kaufen kann; es ist ein universelles Tauschmittel. Aber das verführt uns ständig dazu zu meinen, dass jeder Wunsch erfüllbar sei durch irgendeinen Gegenstand oder eine Dienstleistung, die man mit Geld kaufen kann. Kaum eine öffentliche Frivolität, Gemeinheit, Verbrechen, bei dem nicht am Ende wie der Wurm in einem faulen Apfel das Geld als Motiv steht: Krieg, Korruption, Lüge, Verrat – das alles wird meist durch Geld motiviert.

 

Keine Sorge: ich will damit keine Publikumsschelte inszenieren oder Ihnen ein schlechtes Gewissen machen. Ich versuche nur zu beschreiben, was der Fall ist. Christus hatte Recht, wenn er im heutigen Evangelium sagte: „Hütet euch vor jeder Art von Habgier. Denn der Sinn des Lebens besteht nicht darin, dass ein Mensch aufgrund seines großen Vermögens im Überfluss lebt!“

 

2.Es gibt wohl nur zwei Motive, warum wie ständig zur Habgier versucht werden. Das erste Motiv scheint mir das Gefühl der eigenen Minderwertigkeit zu sein. Wer sich selber nicht genug ist, der kann nicht genug bekommen an Besitz. Er sorgt sich, mit den Mitteln von Hab und Gut eine Maske künstlicher Liebenswürdigkeit zu errichten. Auf dieses Motiv kommt Jesus im heutigen Evangelium aber nicht direkt zu sprechen.

 

Ein zweites Motiv hängt mit dem ersten zusammen, und darauf bezieht Jesus sich, wenn er vor den Gefahren des Reichtums warnt: Geld und Gut scheinen das Versprechen zu liefern, sie böten so etwas wie eine Sicherheit in diesem Leben.

 

Nur wir Menschen sind in diesem Sinne versuchbar, weil wir die einzigen Lebewesen auf der Erde sind, die um ihre Bedrohung und Vergänglichkeit wissen und mit der Angst davor leben müssen. Eine Taube mag über sich den Schatten eines Raubvogels sehen, und in diesem Moment besteht das ganze Tier nur noch aus Angst und duckt sich wie bewegungslos zur Erde. Aber schon nach Sekunden, wenn der Schatten vorüber gezogen ist, ist die Angst des Tieres beendet. Einzig wir Menschen wissen, dass der Schatten des Raubvogels eines Tages niederstoßen wird auf uns und nicht mehr vorbeifliegen, sondern uns treffen wird. Und mancher mag versuchen, sich mit Hab und Gut abzulenken und es zu benutzen wie einen Puffer gegen den Tod.

 

Wenn in zwei, drei Monaten die Eichhörnchen beginnen, Haselnüsse und Bucheckern einzusammeln für den Winter, dann tun sie es im Reflex. Auch wir Menschen versuchen, solche Depots gegen die Angst anzulegen. Ein dickes Bankkonto ist eine gute Beruhigung; aber wollten wir darauf das Leben bauen, wir betrögen uns selbst. Alles, wovon sich wirklich leben lässt, ist das, was man nicht im Geschäft kaufen kann. Freunde kann man nicht kaufen, Freude nicht erwerben im Supermarkt, und die absichtslose Güte eines anderen Menschen ist unbezahlbar.

 

3.Die Rechnung, man könne das wirklich wichtige im Leben für Geld kaufen, geht nie auf, so wenig wie bei dem reichen Gutsbesitzer im Evangelium. Manche nehmen sich das vielleicht vor: heute müsse man arbeiten für Geld, für Erfolg und Macht – aber in zwanzig Jahren wird die Zeit kommen, nach der Pensionierung womöglich, da werde man glücklich sein.

 

Schon deshalb geht diese Rechnung nicht auf, weil wir es dann verlernt haben werden, glücklich zu sein. Es gibt nur einen Weg, richtig zu leben, und der ist der, den Jesus im Evangelium benennt, nämlich heute damit anzufangen. Glücklich sein und leben können wir heute, wenn wir das Haben mit dem Sein vertauschen, Gespräche zum Beispiel so gestalten, dass sie wirklich in die Tiefe führen. Es wäre ja möglich, schon heute miteinander so zu reden, dass unsere Herzen sich öffnen für Werte, die wirklich gelten, für die Gefühle, die in uns und im anderen sich regen, für die Zärtlichkeit und Poesie der Welt, für die Güte des Daseins, die Schönheit aller Dinge, die uns umgeben und die wir malträtieren und vernichten, wenn wir sie berechnen wollten. An jeder dieser Stellen lebten wir menschlicher, kämpften wir an gegen den Mythos und den Götzendienst des Habenwollens und gewännen ein Stück des menschlichen Daseins zurück.

 

4. „Du Narr“, sagt die Gottesstimme im heutigen Evangelium – das heißt ja drastisch: „Du Idiot, alles, was Du aufgehäuft hast, ist keinen Pfifferling wert!“

 

Für Jesus gilt und er macht deutlich darauf aufmerksam: Nur was mit anderen geteilt werden kann, ist wert, besessen zu werden. Freundschaft, Liebe und Menschlichkeit, Verständnis und Zärtlichkeit des Lebens eröffnen das Terrain, in denen die Sehnsucht nach Gott wächst. Sie öffnen Fenster, durch die schon heute das Licht Gottes hereinstrahlt; und aus ihm leben wir wirklich. Nur im Licht blühen die Blumen des Feldes, und unser Herz reift nur in Güte. Sie hängt nicht ab von Geld und Gut, sie wird prostituiert, wenn man sie kaufen will. Freunde gewinnt man nicht im Supermarkt. Und unbezahlbar ist das Glück, von dem wir Menschen wirklich existieren.

 

Amen

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