"Bescheidenheit ist eine Zier, doch weiter kommt man ohne ihr."

Predigt zum Sonntag, 28. August 2012, Sir.3.17 – 21; Lk. 14.7-14.

„Kann man sich denn als Christenmensch überhaupt nicht dran freuen, wenn man ein bisschen gesellschaftlichen Aufstieg geschafft hat? Immer soll man demütig sein und bescheiden; und mit den ewigen Verlierern soll man sich auch noch umgeben. Da bringt man es doch nie zu etwas. Stellen Sie sich mal vor: ich lade meinen Chef zum Essen ein – nicht ganz selbstlos natürlich – und dazu noch einen Asylbewerber und einen Arbeitslosen. Völlig unmöglich. Ist der Jesus wirklich mit beiden Beinen auf der Erde oder ist er ein Sozialist, oder soll man das Ganze nicht so ernst nehmen?“

Ich kann ihnen getrost sagen, er ist kein Sozialist, denn er ist auch nicht für die Herrschaft des Proletariats oder für die Herrschaft der ewig Unfähigen.  Er ist für überhaupt keine Herrschaft von Menschen über Menschen.

Was hier im Evangelium erst mal als simple Anstands- oder Klugheitsregel daherkommt, ist viel grundsätzlicher gemeint. So grundsätzlich, dass es auch in die Abendmahlserzählung eingeht. Da haben sich ja die Jünger immer noch um die Plätze gestritten. Darauf antworten bei Johannes die Geschichte von der Fußwaschung, bei Lukas einige grundsätzliche Worte: „Ich habe Euch gedient, obwohl ich die Rolle des Meisters innehabe, und ihr sollt genauso einander dienen, unabhängig davon, welche Rolle ihr einnehmt.“ In diesem Sinn hat Papst Franziskus auch mehrfach bei Bischofsweihen oder bei Kardinalserhebungen gesagt: „Ihr bekommt keine neue Würde, sondern eine neue Aufgabe.“ Das gilt eigentlich für Christen auch in allen Führungspositionen und ebenso in allen nachgeordneten Aufgaben. Es gilt – eigentlich – in der Kirche im Staat und in der Wirtschaft – für Christen. Wenn wir das ernst nehmen, dann verstehen wir auch, dass Jesus sagt: „ Mein Reich ist nicht von dieser Welt.“

Ist das realistisch? Wenn man die Welt so anschaut, wohl nicht. Vielleicht verstehen Sie da, dass Paulus sagt, die Torheit Gottes sei klüger, als die Klugheit der Menschen. Unser Leben läuft oft so, dass nach unten getreten wird und nach oben gebuckelt. Aber das ist auch das Elend. Es ist aber auch eine Befreiung, von diesem Zwang des Herrschens oder beherrscht Werdens loszukommen, die innere Souveränität zu finden, dass ich da nicht mehr mitmachen muss. Ich mache dann, was recht ist, - für den Anderen und für mich. Ich achte auf mein Wohl und auf das der Gemeinschaft und versuche beides in Einklang zu bringen. Wenn das nicht geht, kann ich auch verzichten. Sie ahnen vielleicht, dass das schön wäre, dass wir da aber oft nicht sind.

Jesus bringt gleich noch eine praktische Anwendung seines Grundsatzes: Wenn Du ein Essen gibst, dann lade die Armen ein. Wenn der Papst Flüchtlinge und Obdachlose zum Essen einlädt, dann ist das ein schönes Zeichen, aber er tut sich da auch in gewissem Sinne leichter als wir. Es wird aus der kirchlichen Kasse bezahlt und andere organisieren es für ihn. Und wenn es der Terminkalender vorgibt, dann geht er wieder. Der Papst hat dafür andere Schwierigkeiten. Wenn wir uns auf Arme einlassen, wird man die unter Umständen so schnell nicht wieder los. Das ist auch nicht das Ziel, das Jesus anvisiert. Wir sagen ja auch: Wenn du Arme oder Flüchtlinge verstehen willst, dann must du dir welche zu Freunden machen, wenigstens einige wenige. Können wir uns das leisten? Es geschieht ja mitunter, dass wir uns, quer zu allen gesellschaftlichen Beziehungen, auf Menschen einlassen, die das Glück oder die Tüchtigkeit nicht so gefunden haben, wie wir. Und es kommt auch vor, dass solche Beziehungen nicht von oben nach unten gehen, sondern grundsätzlich als Beziehungen zwischen Menschen gleicher Würde: Wenn uns das gelingt oder geschenkt ist, dann gratuliert uns Jesus: Im Deutsch der Evangelienübersetzung heißt das: Selig seid ihr.

Vielleicht sagen Sie: Solche Leute kenne ich nicht. Ich weiß auch nicht, wie ich mit denen umgehen soll. Ja, das muss man erst lernen, das kann schwierig sein. Man muss auch nicht mit allen können, aber über die verschiedenen Kreise der Gemeinde oder der Caritas oder in unseren Familien gibt es vielleicht doch auch die Versager, die schwarzen Schafe oder die psychisch Langzeitkranken usw.: Ganz verschiedene Menschen, die es nicht so weit gebracht haben wie wir. Bemühen wir uns um sie?

Überlegen Sie einmal, wie das hier in der Gemeinde ist: Christen, die nicht zur Propstei gehören, sagen ja gelegentlich: „Die Propsteiler fühlen sich als etwas Besseres.“ Ich weiß nicht, wie das ist, ich frage Sie nur: Wie ist das bei Pfarrfesten oder im Gemeinderat: Sind da die gesellschaftlich Schwächeren auch vertreten? Kommen sie zu Wort? Leben wir da nach den Gesetzen des Reiches Gottes?

Jesus zeichnet immer wieder eine große und auch steile Vision menschlichen Zusammenlebens. Vielleicht gilt auch da das Wort Jesu: „Bei Menschen ist das nicht möglich, wohl aber bei Gott.“ Beten wir um den Glauben, der Berge versetzt.

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