Auf alles verzichten? Geht nicht?

Sonntag, 4. September 2016, Phlm 9b-17; Lk.14.25.-33.

„Keiner von euch kann mein Jünger sein, wenn er nicht auf seinen ganzen Besitz verzichtet.“ Vielleicht haben wir uns zu sehr daran gewöhnt, dass uns solch markante Worte Jesu entgegengeschleudert werden. Und wir sagen innerlich: „Ja, schon gut; der Pater wird uns dann schon helfen, das ganze einzuordnen, und dann wird das Ganze nicht so heiß gegessen, wie es gekocht wird.“

Ja, ich werde versuchen, dieses Jesuswort einzuordnen, aber Gott helfe mir, dass ich es nicht so verwässere, dass es niemanden mehr juckt.

Lassen Sie mich dieses Evangelium einmal von einer anderen Perspektive aus zu erklären versuchen: Im vergangenen Juni war ich bei einem Kongress mit dem Thema: „Spiritualität und Leben.“ Veranstalter waren die keineswegs kirchlichen Heiligenfelder Kliniken, deren einer Schwerpunkt die Psychotherapie ist. Sie bemühen sich allerdings um eine ganzheitliche Sicht und Therapie des Menschen, also einschließlich seiner spirituellen Dimension. Die meisten Referenten waren keine Theologen. Religionszugehörigkeit spielte keine Rolle. Da sprach u.a. Prof. Claus Eurich, Kommunikationswissenschaftler an der Universität Dortmund. Er stellte u.a. die These auf, die christlichen – und auch in anderen Religionen zu findenden – Grundgelübde des Ordenslebens, nämlich Armut, Keuschheit und Gehorsam, seien die Grundlage jeglicher Spiritualität. Also wird nur Mönchen und Nonnen bzw. Ordensleuten eine Spiritualität zugestanden? Das wollte er nicht sagen. Vielmehr, dass vor aller differenzierten Ausprägung die Grundhaltungen, die hinter diesen Gelübden stehen für jede Spiritualität unverzichtbar seien:

Armut kann und muss in verschiedenen Formen gelebt werden, als Mönch, als Unternehmer und als Arbeitsloser. Auf jeden Fall geht es darum, das Herz frei zu halten von der Bindung an Dinge. Er sagte: „Befreie dich von der verschüttenden Macht der Dinge, …..denn für den Einfachen ist das Leben einfach.“ Wenn wir an Dinge, an Macht oder Anerkennung versklavt sind, dann ist unsere Spiritualität tot, gleichgültig ob einer Bischof oder Barkeeper ist. Wenn wir aber verzichten können, wie Jesus das nennt, wenn wir „besitzen, als besäßen wir nicht“, wie es Paulus sagt, dann ist das Herz frei und offen für eine überweltliche Wirklichkeit.

Zugleich befähigt die Armut des Herzens dazu, dass wir auf alles verzichten können, was wir zu einem menschenwürdigen Leben nicht brauchen, um es mit zu teilen, die im denen Elend nicht in Würde leben können. Die Nöte der Welt, wie wir sie auch in den vielen Flüchtlingen sehen, zeigen wie aktuell und notwendig die so verstandene Armut heute ist. Wenn wir sie nicht freiwillig suchen, wird sie uns aufgedrängt werden.

Keuschheit. Ein völlig unmodernes Wort, das viele mit verdrängter und damit unheilvoller Sexualität verbinden. Für Prof. Eurich heißt die Grundhaltung der Keuschheit, dass ich mich von meinen Leidenschaften und meinem Begehren nicht dazu hinreißen lasse, andere zu verletzen. Es heißt, meine und des Anderen Würde zu wahren und sie nicht der Leidenschaft zu opfern. Es heißt, das Leben in all seinen Formen zu achten. Das reicht von einem friedlichen Zusammenleben bis zu einer ökologischen Grundeinstellung.

Gehorsam: Gehorsam gilt in erster Linie keiner Obrigkeit, keinem Vorgesetzten, sondern  - der Christ würde sagen: Gott – hier hieß es dem Gewissen. Aber das sind, wenn ich recht sehe, nur zwei verschiedene Wege zu dem gleichen Ziel. Im Praktischen heißt das, nicht nur sich zu sehen und die eigene eng gefasste Verwirklichung, sondern auf das große Ganze zu achten, über die eigenen Grenzen hinauszuschauen und das Wohl aller Menschen sehen zu wollen. Gehorsam hieß auch in der christlichen Mönchstradition immer, das eigene Ich hintenan zu stellen um offen zu sein für den Willen Gottes, der sich im Achten auf meine konkrete Situation und mit einer gewissen Verbindlichkeit auch im Willen des Vorgesetzten zeigt.

Wenn Sie jetzt das Evangelium noch einmal in sich wachrufen: Die eigene Familie nicht absolut setzen; Leid, so es unvermeidbar ist, ohne Resignation oder Verbitterung annehmen; auf alles verzichten, das uns unfrei oder unsozial macht; ohne das, wird die Nachfolge Jesu immer eine halbe Sache und damit unbefriedigend für uns selbst und unglaubwürdig vor den Anderen. Wenn wir aber immer wieder neu versuchen, den Weg der Nachfolge Jesu mit ganzem Herzen zu gehen, dann werden wir frei sein, dann werden wir leben und Leben vermitteln.

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