Urteilen ohne auszugrenzen.

7. April 2019, 5. Fastensonntag, Jes.43. 16 – 21; Joh. 8.1-11.

Wenn sie die Frau auf frischer Tat ertappt haben, warum schleppen sie nur sie zu Steinigung an und nicht auch den Mann, wie es das mosaische Gesetz vorschreibt? Aber Jesus scheint hier etwas anderes noch wichtiger zu sein: Er will, dass wir ehrlich urteilen und dabei für andere keinen anderen Maßstab anlegen, als für uns selbst. Auch klingt hier die Mahnung an, die wir mehrfach im Neuen Testament finden: „Verurteilt nicht, damit ihr nicht verurteilt werdet.“

Nun, auch hier müssen wir nach dem Sinn des Textes fragen und nicht auf das Wort schauen, wie das Jesus noch im gleichen Kapitel bei Johannes fordert. Gerichte müssen im Sinn einer sozialen Ordnung auch verurteilen. Und wenn sie einen Mitarbeiter wegen Veruntreuung oder Unfähigkeit entlassen, dann ist das auch eine – vielleicht notwendige -  Verurteilung. Aber wir alle dürfen nicht vergessen, dass wir Sünder sind und dass wir froh sind, wenn toleriert oder nicht erwischt werden. Erst recht dürfen wir nicht vergessen, dass unser Urteil ein Irrtum sein kann und dass wir erst recht nicht wissen, ob der Verurteilte wirklich moralisch schuldig ist, oder in wie weit er Opfer seiner Veranlagung  oder der sozialen Umstände ist. Wer einen dünnhäutigen Außenseiter in einer Schulklasse oder Arbeitsgruppe bis aufs Blut reizt, der ist dann, wenn der zuschlägt, vielleicht schuldiger als der gerichtlich feststellbare Schläger. Wer Kindern oder Jugendlichen aus gewalttätigen Familien nicht die Möglichkeit gibt, sozialverträglichere Verhaltensweisen zu lernen, der ist zumindest mitschuldig, wenn diese Kinder zuschlagen. Wenn die Frau aus dem Evangelium mit einem gewalttätigen Mann zusammenleben muss, ohne dass ihr geholfen wird – und das gibt es weltweit millionenfach -  dann ist es schwer, sie zu verurteilen, wenn sie mal mit einem schläft, der liebevoll mit ihr umgeht. Wer Menschen in den Hunger treibt und sie dann verurteilt, wenn sie klauen, macht sich doppelt schuldig. Ich will da nichts rechtfertigen, aber wir müssen zusehen, wer wen verurteilt. Es geht bei Jesus nicht nur um Barmherzigkeit, sondern auch um Gerechtigkeit.

Die Fastenpredigten stehen unter dem Motto: „Zeichen der Zeit sehen für die Ausrichtung der Pastoral unserer Gemeinde hier im Zentrum der Boomtown Leipzig. Gemeinde soll ein Ort der Gerechtigkeit und der Barmherzigkeit sein.  Christlich kann sie jedenfalls nur genannt werden, wenn sie schwer integrierbaren Menschen hilft, angenommen zu werden; wenn sie ein Ort ist, wo ihre Wunden heilen können oder wo auch Gestrauchelte eine zweite echte Chance bekommen  - so sie denn wollen. Ich sage es immer wieder: Wir können das nicht nur der Caritas oder anderen öffentlichen Einrichtungen überlassen. Es genügt nicht, diese darin zu unterstützen – obwohl auch das notwendig ist. Es fängt schon im Alltag an: Auch da gibt es schwarze Schafe und die Lieblinge aller. Und es gibt die Lieblinge, die die schwarzen Schafe noch mehr ins Abseits stellen indem sie ihre Beliebtheit gnadenlos ausnützen. Ich denke z.B. an einen ausgerissenen Jugendlichen, den ich nach Einbrüchen mit seinem Vater aus österreichischem Polizeigewahrsam nach München zurückgeholt habe. Er stand der ewig im Schatten seiner vorbildlichen Schwester, die alle Zuneigung der Mutter auf sich gezogen hat.

Sie alle kennen solche Beispiele und es ist sinnlos, darüber zu diskutieren, wer nun mehr Schuld hat. Viel fruchtbarer wäre es, wenn wir bei der Hilfe und im Kontakt mit Gehemmten und ins Abseits Geratenen von unserem Umfeld – insbesondere von der Gemeinde – nicht wie Jesus kritisiert, sondern unterstützt werden, wenn die Gemeinde geradezu ein förderlicher Raum für solche Bemühungen ist – sei es durch Toleranz, durch Patenschaften, durch praktische Hilfe oder durch gekonnte Beratung.

Es geht nicht darum, Fehlverhalten nicht als solches zu sehen und gegebenenfalls zu benennen. Es geht darum zu helfen, weil wir vielleicht eine glücklichere Entwicklung hatten oder auch Hilfe erhalten haben, als wir mit einer Pleite, mit einem psychischen Kollaps oder einem Fehltritt in der Tinte gesessen sind. Wenn aber wir uns schon in der Gemeinde gegenseitig meiden oder ausschießen, weil wir die anderen für „eingebildete, feine Schnösel“ bzw. für  „ungehobelte Leute“ halten, dann sind wir insofern nicht mehr christliche Gemeinde.

Die Geschichte von Jesus und der Ehebrecherin ist eine beliebte Geschichte. Schauen wir ehrlich hin, welche Rolle wir dabei spielen: die der Pharisäer, der Ehebrecherin, der neugierigen Zuschauer oder die Rolle Jesu hier und jetzt.

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